Asbestfasern

Asbestfasern unter dem Mikroskop. (Foto: iStock)

Asbestsanierung: Ein Fall für Profis

Noch immer sind unzählige Gebäude asbesthaltig. Das ist kein Problem – bis es zur Sanierung kommt. Dann müssen die Spezialisten anrücken.

Asbest ist zwar nicht mehr wie in den ­späten 1980er-Jahren ein grosses Medienthema, aber immer noch sehr weit ver­breitet. 2018 zählte das Bundesamt für Statistik (BFS) zählte 1 748 477 Gebäude mit Wohnnutzung. 1 295 528 Gebäude – also rund drei Viertel – wurden vor 1990 erstellt und enthalten mit grosser Wahrscheinlichkeit asbesthaltiges Material.

Für Industrie- und Gewerbebauten führt das BFS keine vergleichbare Statistik. Zwischen dem Zweiten Weltkrieg und 1990 importierte die Schweiz rund 500 000 Tonnen des natürlich vorkommenden Silikat-Materials, um es in Baustoffen aufzubereiten.

Material der tausend Möglichkeiten

Was Asbest lange Zeit so beliebt machte, sind die hervorragenden Eigenschaften des Materials. «Jahrzehntelang galt Asbest in der Industrie als das Material der tausend Möglichkeiten», erklärt Edgar Käslin, ­Bereichsleiter Chemie, Physik & Ergonomie bei der Suva. «Asbest besitzt wie keine andere Faser optimale Eigenschaften für viele technische Produkte.»

Die Fasern sind unter anderem bis 1000 Grad hitzebeständig, resistent gegen verschiedene aggressive Chemikalien, zudem verfügen sie über eine hohe elektrische und thermische Isolierfähigkeit, eine hohe Elastizität und ­Zugfestigkeit. Und sie lassen sich gut in ­Bindemittel einarbeiten.

So wurde Asbest in Zeiten des Baubooms in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zur vermeintlichen Eier legenden Wollmilchsau der Baubranche. Asbesthaltige Brandschutzelemente wurden ebenso grosszügig ­verbaut wie Wärmeisolationen und ­Dichtungen bei hohen thermischen oder ­chemischen Beanspruchungen. Selbst im Plättlikleber und Wandverputz jener Zeit findet sich Asbest, weil dieser die Ver­arbeitung des Materials erleichtert.

Gesundheitsschädigend

Seit 1990 ist der Einsatz von asbesthaltigen Materialien und Erzeugnissen jedoch ­untersagt. Aus gutem Grund: Werden sie eingeatmet, setzen sich Asbestfasern in der Lunge fest und können Krebs erregen. Mittlerweile haben Studien gezeigt, dass vom Einatmen bis zum Ausbruch der Erkrankung bis zu 40 Jahre vergehen können. Noch heute erkranken deshalb Menschen, die vor Jahrzehnten mit Asbest in Be­rührung kamen.

Immerhin: Es besteht kein Grund zu Panik oder Aktionismus. Denn solange Asbest fest gebunden ist und asbesthaltige Materialien nicht mechanisch bearbeitet werden, besteht keine Gefahr. Deshalb gibt es für Asbestvorkommen auch keine generelle Meldepflicht. ­«Allerdings müssen gemäss Artikel 60a der Bauarbeitenverordnung Sanierungs­arbeiten, bei denen erhebliche Mengen von Asbest freigesetzt werden, von den ausführenden Unternehmen der Suva gemeldet werden», so Käslin.

Zudem sind solche Asbestsanierungen ausschliesslich spezialisierten, von der Suva anerkannten Betrieben vorbehalten. Für Laien gilt in jedem Fall: Finger weg vom Asbest, auch wenn es sich nur um «ein paar Plättli» handelt. Käslin: «Es ist heute bekannt, dass bei der unsachgemässen Bearbeitung von asbesthaltigem Material grosse bis sehr grosse Mengen an potenziell gesundheitsschädigenden Asbestfasern freigesetzt werden können.»

Vorhersehbare «Überraschung»

Weil bei allen Gebäuden mit Baujahr vor 1990 mit Asbest zu rechnen ist, rät Edgar Käslin Bauherren, vor Umbauten, Rückbauten und Sanierungsarbeiten an solchen Objekten entsprechende Abklärungen vorzunehmen. «Erste Anhaltspunkte bieten zum Beispiel das virtuelle Asbesthaus unter www.suva.ch/asbesthaus oder die Suva-Publikation ‹Asbest erkennen – richtig handeln›», so Käslin.

Bei umfassenden Arbeiten ist der Einbezug eines erfahrenen Baudiagnostikers ratsam. Spätestens die Unternehmen, welche die Arbeiten ausführen, müssen gemäss Artikel 3 der ­Bauarbeitenverordnung bei vor 1990 errichteten Gebäuden Asbest-Abklärungen veranlassen: «Besteht der Verdacht, dass besonders gesundheitsgefährdende Stoffe wie Asbest [...] auftreten können, so muss der Arbeitgeber die Gefahren eingehend ermitteln und die damit verbundenen Risiken bewerten.»

Die Bauherrschaft sollte danach darauf bestehen, sich schriftlich bestätigen zu lassen, dass die Ermittlungspflicht wahrgenommen wurde. «Denn wenn die Vorschriften nicht eingehalten wurden oder während der Sanierung mangels eingehender vorgängiger Ermittlung asbesthaltiges Material auftaucht, kann ein Bauunterbruch verhängt werden», so Käslin.

Viel Aufwand

Werden bei den Abklärungen Asbestvorkommen gefunden, ist es an Spezialisten, diese fachgerecht zu sanieren und zu ­entsorgen. «Bei uns sind jeden Tag 25 Personen im Einsatz», sagt Hansueli Ziegler. Der gelernte Maurer und diplomierte ­Baumeister ist Leiter des Ressorts Spezialitäten der Bauunternehmung Anliker und beschäftigt sich unter anderem mit ­Schadstoffsanierungen aller Art.

Die Hälfte der Asbestsanierungs-Arbeiten fallen im Wohnbereich an, die andere Hälfte bei Industrie- und Gewerbebauten. Der Klas­siker, so Ziegler, sei immer noch das Badezimmer mit seinen Plättli. Aber auch ­Verputz muss immer öfter saniert werden. Verputze werden erst seit einigen Jahren umfassend getestet.

«Nicht alle Bauherrschaften haben Verständnis dafür, dass eine aufwendige Asbestsanierung durchgeführt werden muss», sagt Ziegler. Dies liegt wohl auch daran, dass die Kosten einer Asbestsanierung bei Plättli pro ­Quadratmeter etwa um fünf Mal höher sind als bei einer herkömmlichen Sanierung.

Kontrollierte Abbauzone

Das A und O einer Asbestsanierung ist, die Fasern nicht in die Umwelt gelangen zu lassen. Dazu werden je nach Grundriss sogenannte Zonen geplant und abgeschottet. Eine Lüftung mit speziellem Filter sorgt in der Zone für Unterdruck.

«Dazu werden vier Schleusen für die Arbeiter errichtet», erklärt Ziegler: «Beim Verlassen der Zone werden die Arbeiter in der ersten Schleuse abgeblasen. In der zweiten Schleuse ­ziehen sie sich bis auf die Maske ab. In der dritten duschen sie sich und waschen die Maske. Und in der letzten Schleuse ziehen die Arbeiter wieder ihre reguläre Bekleidung an.»

Die benutzte Schutzkleidung wird verpackt und entsorgt. Lassen es die ­Platzverhältnisse zu, muss auch eine Schleuse für das Material errichtet werden. In ihr werden das benötigte Werkzeug und die Spezialsäcke mit dem abgeführten Material gereinigt. Das Abwasser wird gereinigt, um Schadstoffe herauszufiltern. Doch was, wenn das asbesthaltige Material an einer Aussenfassade liegt? «Dann packt man einfach das Baugerüst ein, um die Zone zu errichten und die Schleusen zu installieren», sagt der Spezialist.

Gut geschützt

Natürlich braucht es auch für die Sanierer selbst spezielle Sicherheitsvorkehrungen: Einwegunterwäsche und -schutzanzug gehören ebenso zur Ausrüstung wie eine Atemschutzmaske mit Frischluftzufuhr, Handschuhe und Schuhe, die nur in der Zone getragen werden. «Ziel ist es, kein Asbest an die Haut und in die Atemwege gelangen zu lassen», erklärt Ziegler.

Die Arbeitszeit ist bei diesen Bedingungen begrenzt: In der Zone darf höchstens sechs Stunden am Tag gearbeitet werden. Nach drei Stunden ist eine Pause fällig, denn die Arbeiter haben während der Arbeit keine Möglichkeit zu trinken oder die Toilette zu benutzen. «Vermutlich ist dafür aber kein Bauarbeiter besser geschützt als ein ­Asbestsanierer», sagt Ziegler. Und das gilt auch langfristig: Spätestens alle vier Jahre müssen Asbestsanierer zum Check-up bei einem Arzt.

Endlager im Boden

Der Abbruch des asbesthaltigen Materials erfolgt in kleinen Zonen vor allem in Handarbeit: abspitzen, abmontieren, in der Zone in einen Spezialsack verpacken und diesen in der Materialschleuse in einen weiteren Sack verpacken. Anliker saniert jedoch gerade im Industriebereich auch grosse Objekte, deren Zonen ungleich voluminöser sind als ein durchschnittliches Badezimmer.

«Wir haben schon früh mit einem Werkzeughersteller Kontakt aufgenommen und verschiedene Maschinen entwickelt», erzählt Ziegler. Diverse Prototypen seien derzeit im Einsatz, welche die Arbeit erleichtern, noch sicherer machen und beschleunigen. Ziegler nennt als ­Beispiel eine speziell entwickelte Fräse, die grossflächige Sanierungen von Aussenputz ermöglicht.

Am Schluss erfolgt ein ­hundertfacher Luftwechsel innerhalb der Zone, der auch die letzten Asbestfasern aus der Luft entfernen soll. Die abschliessenden Luftmessungen werden von einem externen Unternehmen durchgeführt. Ist das asbesthaltige Material erst einmal abgefüllt und ausgeschleust, ist die Arbeit fast erledigt. Die Säcke werden dann in eine spezielle Deponie transportiert.

Dort werden die Fuhren registriert und schliesslich vergraben. Dadurch, dass die Fasern chemisch äusserst stabil sind, werden sie erst über extrem lange Zeit­räume abgebaut. Diese Art der Endlagerung stellt sicher, dass der Asbest nicht mehr mechanisch bearbeitet wird – und dies wiederum stellt sicher, dass die Fasern keinen Schaden mehr anrichten.

Erschienen in: Haustech 4/2020