Andreas Fahrni: «Der bedenkliche Trend der Globalisierung mit dem Schlagwort «Geiz ist Geil» hat Folgen.» (Bilder: zVg)

Doppel-Schweissautomat eines Edelstahlspeichers

Dichtigkeits-Luftdruckprobe im Wasserbad

Interview mit Andreas R.H. Fahrni

«Berufsstolz steht oft nicht mehr im Vordergrund»

Andreas R.H. Fahrni tritt als in der Haustechnikbranche bestens vernetzter und in Fachverbänden, Normen-Kommissionen sowie anderen Fachgremien tätiger Fachexperte und als Geschäftsführer seiner Style System-Technik auf Ende Jahr nach über 50-jähriger Tätigkeit in der Branche zurück. Aus seinem bewegten Leben gibt es viel zu erzählen.

Andreas Fahrni, im Moment erleben wir schwierige Zeiten. Was geht Ihnen da durch den Kopf?

Mit viel Vernunft und Sachverstand zu handeln, der Coronavirus zeigt einmal mehr, dass wir als Menschen überaus empfindlich auf Umweltereignisse reagieren. Etwas Positives hat COVID-19, die Umweltbelastung hat parallel zu den verschärften Massnahmen abgenommen. Es zeigt, wie trotz Prioritäten Globalisierung, Profitgier und Eigeninteressen des Menschen die Weltwirtschaft durch einen kleinen unsichtbaren Virus lahmgelegt werden kann. Der bedenkliche Trend der Globalisierung mit dem Schlagwort «Geiz ist Geil» hat Folgen. In unserer Fachbranche Heizung wurden namhafte grosse Firmen wie Von Roll, Zent, Strebel, usw. als Giessereien von Heizkesseln schlichtweg zu Boden gefahren. Dies gilt auch für die Solartechnologie, Firmen wie ABB, Max Solar, usw. wurden entweder ins Ausland verschenkt oder mangels Unterstützung ins Ausland verkauft. Auch das Schrumpfen von Sulzer ist traurig.

Nicht viel besser geht es den Herstellern von Wassererwärmern und Warmwasserspeichern, auch hier wurden namhafte Firmen zerschlissen, wie z.B. Accum, Elcalor, Friap, Burri, Feuron, Cipag, usw. – und die heutigen Händler dieser Produkte haben die Folgen des Coronavirus zu tragen und stehen heute in Abhängigkeit der Lieferkette. Die Folgen der forcierten Globalisierung zeigen sich in der jetzigen Krise – es fehlt uns an vielem, so die eigens entwickelten medizinischen Produkte oder die fehlenden Masken, das müssen wir heute alles importieren.

Zurück zu meinem Business, die Anforderungen an Produkt- und System-Hersteller erfordern heute Millionen an Investitionen mit zusätzlichen IT-Anforderungen; daneben gibt es die Flut an Überregulierungen mit Normen und Regelwerken. Insbesondere die Schweiz neigt dazu, individuelle Verordnungen zu erlassen, welche die bisherigen Europäischen Anforderungen übersteigen. Es kann nicht sein, dass z.B. betreffend Lärm (WP haben einen Schallpegel von ca. 50 dB – das ist als Schallquelle so laut wie das Zwitschern von Vögeln – ein Mixer oder Haartrockner hat einen Schallpegel von 70 dB) bei Wärmepumpen in 26 Kantonen verschiedene Anforderungen gelten und das daher zum Teil zu Verkaufs- bzw. Installationsverboten führen kann. Man will eigentlich neue Erneuerbare Technologien und verhindert diese gleichzeitig von Staates wegen mit Pseudo-Argumentationen mit dem Segen von halbwissenden Beamten.

Sie haben sich entschieden, 2020 kürzer zu treten und fast alle Ämter und Aufgaben aufzugeben. Eigentlich wird Ihre Fachkompetenz weiterhin gefragt sein. Wieso gerade jetzt?

Ich gehöre mit meinem Jahrgang und den heutigen neusten Ereignissen zu den sogenannten Risikopatienten, ausserdem möchte ich einer jüngeren Generation Platz machen. Die junge Generation hat heute andere Voraussetzungen, dies schon aufgrund ihrer Ausbildung in der IT, und nimmt dadurch die Fakten ganz anders auf. Wenn grundlegende Fragen auftauchen, wird mangels Praxiserfahrungen einfach Google gefragt, zum Teil wird dieses Halbwissen dann als Fakt übernommen und gilt als Basis. Dies hat jedoch auch Vorteile, mit einem Google-Basiswissen kommt man schneller voran und muss sich nicht mit dem erworbenen Praxiswissen mühsam auseinandersetzen. Ich passe wahrscheinlich einfach nicht mehr in diese Zeit.

Gibt es Ausnahmen, wo Sie Aufgaben weiterhin erfüllen möchten?

Selbstverständlich stehe ich für individuelle branchenorientierte Aufgaben zur Verfügung. Ich bin weiterhin für das Werk tätig, insbesondere für Neuentwicklungen mit den Zielsetzungen der Energie- und Kosteneffizienz. Ebenso für Zertifizierungen und Vermarktungsstrategien.

Wie schwierig war es zu Beginn für Sie, im Business Fuss zu fassen?

Die Jungendjahre haben mich sehr geprägt: ich stamme aus einer Bauernfamilie, die in Frankreich als Schlossgutverwalter tätig war. Nach einer traumatischen Vertreibung durch die deutsche Waffen-SS im 2. Weltkrieg, wurden meine Eltern im heutigen Kanton Jura zum zweiten Mal Opfer politischer Unruhen: durch einen Vollbrand ihres aufgebauten Bauernhofs durch die jurassischen Unruhen der Separatisten. Durch den Umzug ins Seeland in der Nähe von Biel konnte meine Familie neue Zielsetzungen anstreben und realisieren. Von der Ausbildung her machte ich nach meiner Schulzeit – meinen Beruf als Koch in Freiburg musste ich unmittelbar vor Berufsabschluss durch einen Unfall aufgeben – eine Zweitausbildung als Heizungszeichner, die Weiterbildung zum Heizungstechniker sowie ein Studium an der Fachhochschule der Universität Stuttgart als Haustechnik-Ingenieur.

Unmittelbar nach meiner Lehre und beim Sprung ins Business war ich vorerst in einem der grössten Planungs- und Installations-Unternehmen im Seeland tätig. Während den weiteren Jahren in einem Planungs- und Installations-Unternehmen in Zürich war ich Filialleiter. Dann wechselte ich in den Verkauf der Region Zürich-Ostschweiz und übernahm die Funktion als Verkaufsleiter im Freiburgerland. Danach war ich als Technischer-Leiter und Mitglied der Geschäftsleitung in Handelsunternehmen der Haustechnik-Branche in den Kantone Jura, Aargau, Zürich, Solothurn und Bern tätig.

Sie haben danach eigene Unternehmen gegründet. Wie lief das ab?

Im Jahre 1992 gründete ich das erste Unternehmen, eines italienischen Kunststoffrohrherstellers der COES-Vertriebs AG in der Schweiz. Zielsetzung war es, die Produkte auf dem Schweizerischen Markt einzuführen; eine nicht ganz leichte Aufgabe, die Monopolstellung eines der grössten Werke mit Schweizerischen Regelwerken in der Hausentwässerung und mit Unterstützung eines der führenden Verbände zu durchbrechen. Ich kämpfte mich bis zum Europäischen Gerichtshof durch, seit diesem Zeitpunkt gibt es auch in der Schweiz ein neues Regelwerk für Mischinstallationen. Das Ziel der Gesellschaft war somit erreicht und konnte erfolgreich aufgelöst werden.

Ebenfalls 1992 erfolgte die Gründung der Styleboiler AG (Schweiz), eine Tochtergesellschaft der Giona Holding, ein Apparatebau-, Speicher- und Wassererwärmer-Hersteller aus Italien. Die Styleboiler AG wurde zu Lebzeiten des Gründers Mario Giona der Styleboiler S.r.l. und ZIAC S.r.l gegründet, dazumal mit ca. 60 Mitarbeitern, um den Schweizer und internationalen Markt zu erschliessen. Andererseits waren wir für Weiter- und Neu-Entwicklungen sowie Zertifizierungen zuständig. Es folgten eine Vielzahl neuer Entwicklungen. 1995 wurde der Vertrieb der damaligen Tobler Haustechnik AG übertragen, diese konnte sich unter meiner Federführung innerhalb kurzer Zeit auf die zweite Position des Schweizermarktes platzieren. Inzwischen sind einige hunderttausend Wassererwärmer und Warmwasserspeicher in der Schweiz installiert. Durch die Fusion der Tobler Haustechnik AG mit der Walter Meier AG zur Meier Tobler AG, sind jedoch neue Strukturen und Zielsetzungen gesetzt worden und ich entschloss mich dazu, im letzten Jahr die Styleboiler AG aufzulösen.

Im Jahre 2003 erfolgte schliesslich die Gründung der Style System-Technik GmbH, mein eigenes Unternehmen für den Bereich von Zertifizierungen und Lizenzverwertungen. Um die vielfältigen Aufgaben und Mandate für Zertifizierungen internationaler und nationaler Unternehmen zu gewährleisten, musste unabhängig der Styleboiler AG ein unabhängiges, juristischen Unternehmen gegründet werden. Auch diese Firma werde ich nach erfolgreichen 17 Jahren Ende Jahr auflösen. Eine Nachfolgeregelung war hier nicht möglich.

Fällt Ihnen das Loslassen leicht?

Nein, ich musste mehrere Anläufe nehmen, es ist nicht einfach, aber es gibt Chancen für die nächste Generation. Ich musste mich nicht um einen langwierigen Ablösungsprozess bemühen, da meine Söhne und Stieftöchter sich alle in führenden guten Unternehmen befinden, und sich nicht mit unnötigen Altlasten meinerseits befassen mussten.

Was hat Sie in fünf Jahrzehnten in der internationalen Fachbranche am meisten geprägt bzw. was haben Sie dabei gelernt?

Wie bereits erwähnt stamme ich noch aus der Rechenschieber- und Kalkulator-Generation – man musste den Kopf immer bei der Sache haben. Wir sind heute in einer IT-Generation. Dies wirkt sich im Business aus, daraus können sich fehlende Bodenhaftung, fehlende Fachkompetenz, fehlende Menschenkenntnis ergeben.

Den ersten Vortrag betreffend der Legionellen-Problematik hatte ich im Jahre 1992 und wurde von anerkannten Organisationen und Verbänden inkl. den Bundesämtern noch belächelt. Ein weiteres Beispiel ist die Einführung von Ecodesign/ErP der EU, wo ich darauf aufmerksam gemacht hatte, wie sinnvoll das wäre und dass auch die Schweiz davon betroffen sein werde. Ebenso verhielt es sich mit meinen Einwendungen zur Einführung von Smart-Energy, z.B. Smart Grid, der Schaffung einheitlicher Schnittstellen, was heute von einigen noch immer nicht begriffen wird.

Der Berufsstolz steht leider oft nicht mehr im Vordergrund, die Kultur eines langlebigen Produkts mit einem vollumfänglichen Beratungskonzept und einem nachhaltigen Kundendienst ist fast ein Fremdwort geworden. Stellen Sie sich vor: kürzlich hörte ich von einem Grosshändler: «Wir wünschen keinen Korrosionsschutz mit Magnesiumanoden in Warmwasserspeichern, da dies eine Kundendienstwartung erfordert». Fast schon unglaublich!

Eins hilft sicher: eine jahrelange internationalen Business-Erfahrung und eine kontinuierliche Mitarbeit in nationalen und internationalen Gremien, um zukunftsorientierte Zielsetzungen besser anvisieren zu können. Und es erfordert sehr viel Zeit, Flexibilität, und ist auch kostenaufwendig. Eine 40-Stundenwoche ist nicht ausreichend, diese Voraussetzungen sind jedoch matchentscheidend für zukünftigen, langfristigen Erfolg.

Was würden Sie heute anders machen?

In erster Linie würde ich mich in meinen jungen Ehejahren mehr um meine Familie kümmern und allen Nebenfunktionen und Ämtern wie OK-Präsident, Verbandspräsidium, Event-Organisation usw. weniger Zeit widmen. Aber meinen Sportarten wie Kunstradfahren, 100-Kilometer-Läufen, Ski-Fahren, J&S mehr Zeit widmen. Und vor allem würde ich mir auf meinen internationalen Tätigkeiten rund um den Globus viel mehr Zeit nehmen, um es zu geniessen.

Wie wird es in den von ihnen betreuten Themen wie Klimawandel, Energieeffizienz, Gesundheits- sowie Sicherheitswesen im Bereich der Normen und Regelwerke weitergehen bzw. was muss angepackt werden, um die gesteckten Ziele zu erreichen?

Es ist ja Tatsache, dass der Klimawandel stattfindet; aber wird er in unserer Branche nicht genug ernsthaft zur Kenntnis genommen; und sind wir zu Einschnitten wirklich bereit? Es wird zum Teil eigensinnsing in Verbänden und Politik gehandelt. Die einen glauben, dass z.B. mit der Technologie der Wärmepumpe alle Umweltanforderungen umgesetzt werden könnten, vergessen jedoch dabei das der bestehende Gebäudepark im erforderlichen Zeitraum gar nicht bewältigt werden kann, mangels der erforderlichen Arbeitskräfte, Finanzmittel und auch der Gebäudestrukturen. Besser wäre es, Kompromisse einzugehen, wie z.B. Hybrid-Systeme, d.h. bestehende Altbauten mit Wärmepumpen auszurüsten und für den Spitzenbedarf mit Gas-, Öl- oder Holz- und wenn möglich mit Solar- sowie Akku-Systemen abzudecken.

Ebenso sind da Theoretiker, die der Meinung sind, dass mit Photovoltaik und Wärmepumpen im heutigen Umfeld der Verteilnetzbetreiber, eine Energieeffizienz erreicht werden kann, was absolut nicht möglich ist. Ebenso sind zuständige Behörden im Dauerstress, um der jeweiligen politischen Gesinnung der Chefbeamten im Bundeshaus Folge zu leisten. Die Herrscher an Beamten kreieren im Akkord neue Gesetze, Verordnungen und Richtlinien, die zusätzlich durch die Kantone erweitert werden und dadurch neue sinnvollere Technologien verhindern und zu Überregulierungen führen.

Die heutigen «Hersteller» im Schweizer Markt sind heute mehrheitlich Filialen oder Handelsfirmen. Daher fehlen mehrheitlich die nötigen fachtechnischen Produktekenntnisse, Produktionserfahrungen oder innovativen Produkteentwicklungen, und die Leute sind zu weit von Entwicklungen und Produktions- und technischen Funktionen entfernt - ein wesentliches Know-how-Manko.

Ausserdem wird immer noch zu «kleinräumig» gedacht und gehandelt, wir können nicht mehr nur Schweizerisch handeln. Das Klima macht an der Grenze nicht halt. Wir sehen das jetzt ganz deutlich beim Coronavirus: Auch die Schweiz ist nun fast machtlos bei COVID-19.

Was werden Sie künftig mit der vielen freien Zeit machen, auf die Gefahr hin, dass es Ihnen langweilig wird? Wofür werden Sie sich künftig mehr Zeit nehmen?

Keine Sorgen, das Wort Langweile kenne ich nicht, in erster Linie werde ich an meinem zweiten und dritten Fachbuch weiterarbeiten. Ebenso viel, sehr viel Lesen; eine Anzahl von Büchern wartet schon seit langem auf mich. Und nicht zuletzt mit meiner Frau Reisen geniessen, wenn man das wieder darf. Und mich daran gewöhnen, dass ich ein glücklicher fünffacher Grossvater geworden bin.