Patrick Kutschera, seit 2017 Geschäftsführer von EnergieSchweiz, dem Programm des Bundes zur Förderung von Energieeffizienz und erneuerbarer Energie mit freiwilligen Massnahmen: «Fachleute sowie Hauseigentümer haben noch maximal 10 Jahre Zeit, sich auf erneuerbare Heizsysteme auszurichten.» (Bild: zVg)

Gebäudetechnik-Kongress 2021

«Das Wohlergehen unserer Umwelt ist nicht von unserem Wohlergehen trennbar»

Am 28. Oktober wird Patrick Kutschera, Geschäftsführer von EnergieSchweiz, am Nationalen Gebäudetechnik-Kongress 2021, der digital durchgeführt wird, teilnehmen. Im Vorfeld der Veranstaltung spricht er über das von der Schweiz beschlossene Netto-Null-Ziel bis 2050 und was das für unser Land und besonders für den Gebäudesektor bedeutet.

Patrick Kutschera, der Schweizer Treibhausgas-Ausstoss ist 2019 kaum gesunken. Im Gebäudesektor sind die gegenüber dem Vorjahr unveränderten Emissionen grösstenteils dem kälteren Winter geschuldet. Nach heutiger Einschätzung wird die Schweiz ihr nationales Klimaziel für 2020 von minus 20 Prozent Treibhausgasausstoss gegenüber 1990 verfehlen. Was meinen Sie dazu?

Das Übereinkommen von Paris wurde vom Parlament verabschiedet, ohne dass ein Referendum dazu ergriffen wurde. Die Ziele sind also verbindlich. Aus diesem Übereinkommen stammt auch das Ziel Netto-Null-Emissionen bis 2050 des Bundesrates. Je länger wir warten mit der Reduktion, desto steiler und vermutlich auch teurer wird die Zielerreichung. Dann sind da auch noch die wirtschaftlichen Chancen, die wir so nicht umfassend nutzen. Ich bin aber überzeugt, dass wir die langfristigen Ziele trotzdem erreichen können.

Mit dem Nein zum revidierten CO2-Gesetz hat die Schweiz kein messbares Verminderungsziel mehr, über 2021 hinaus gibt es kein nationales Klimaziel mehr. Zudem laufen mehrere Instrumente Ende 2021 aus (z.B. Finanzierung laufender Klimaprojekte). Wie weiter mit der Energiestrategie 2050, wenn nicht mal kleinste Einschnitte an der Urne angenommen werden?

Das neue CO2-Gesetz war kein kleiner Schritt. Er beinhaltete mehrere bestehende und teilweise gezielt neue Instrumente, wie zum Beispiel den Klimafond mit dem Gebäudeprogramm, den CO2-Grenzwerten beim Heizungsersatz etc., die möglicherweise für einen Teil der Bevölkerung zu umfangreich waren. Das Parlament berät jetzt, wie das weitere Vorgehen sein könnte. Dazu gehört auch die Diskussion, welche auslaufenden Regelungen allenfalls verlängert und welche weiteren unbestrittenen Regelungen aus dem abgelehnten CO2-Gesetz allenfalls eingeführt werden sollen.

Vergessen wir aber nicht, dass viele Massnahmen zur Energieeffizienz und Nutzung erneuerbarer Energie bereits heute ökonomisch wie ökologisch interessant sind. Dazu gehört z.B. der Ersatz von fossilen Heizungen durch Heizungen mit erneuerbaren Energieträgern.

In unserem System müssen die Stimmbürger vom Sinn von Gesetzen bzw. Massnahmen überzeugt werden. Wurden die Themen Ihrer Meinung nach nicht genügend begründet? Wie bringt EnergieSchweiz sich hier ein?

Eine Aufgabe von EnergieSchweiz ist es, neutral und unabhängig zu informieren. Wir engagieren uns aber nicht in Abstimmungen oder Wahlen und kommentieren diese auch nicht. Tatsache ist aber, dass die Themen Energie und Klima dynamisch und komplex sind. Diese zielgruppengerecht zu kommunizieren, ist sicher eine Herausforderung.

Wir haben das Glück in einer Demokratie zu leben, in der sich Stimmbürgerinnen und Stimmbürger sehr direkt engagieren und einbringen dürfen. Die Inklusion der Bürgerinnen und Bürger in diesen zentralen Fragen zu Energie und Klima ist sehr wichtig für eine erfolgreiche Umsetzung. Die anstehenden Herausforderungen können nicht top down gelöst oder an die Verwaltung und Unternehmen delegiert werden, sondern brauchen das Engagement aller. Deshalb begrüsse ich, dass dieser Diskurs im Rahmen von Abstimmungen gefördert wird, auch wenn wir manchmal das Gefühl haben, einen Rückschritt zu machen.

Beim Thema Netto-Null bis 2050 scheint weitgehend Konsens darüber zu bestehen, dass es nötig ist, doch die Wege dahin sind nicht klar - da sind noch sehr viele Anstrengungen nötig. Wie können wir Netto-Null bis 2050 mit bestehenden fossilen Infrastrukturen am besten erreichen?

Wie gesagt, es ist nicht nur ein Konsens, sondern das Parlament hat das Übereinkommen von Paris verabschiedet. Sicher finden wir die Lösungen nicht in fossilen, sondern in erneuerbaren Infrastrukturen. Eventuell gibt es einen kleinen Teil der fossilen Infrastrukturen, die umgenutzt werden können, aber über alles betrachtet, ist ein relevanter Umbau notwendig. Das Schöne daran ist, dass technisch schon sehr vieles zur Verfügung steht und erst noch ökonomische Vorteile hat. Eine Schwierigkeit im Entscheidungsprozess ist, dass die neuen Technologien über den gesamten Lebenszyklus hinweg betrachtet dank tieferen Energie- und Betriebskosten oft günstiger sind, aber in der Anschaffung teilweise teurer sind als fossile Technologien.

Besonders schlecht sieht es bei Mobilität und Verkehr aus, da liegen die Emissionen weiterhin 1 Prozent über dem Wert des Basisjahrs 1990. Auch wenn die Lebenszyklen da kürzer sind, und es plötzlich schnell gehen könnte, verfehlt der Verkehrssektor im Moment wohl das Ziel von minus 10 Prozent bis 2020 trotz Hilfe von Corona. Was ist zu tun?

Ja, in der Mobilität haben wir am wenigsten Fortschritte gemacht, und es braucht zusätzliche Anstrengungen. Wenn wir jedoch sehen, wie sich die Elektrifizierung der Motorfahrzeuge beschleunigt, bin ich zuversichtlich, dass wir hier Fortschritte machen werden. Eine wichtige Voraussetzung ist die Verbesserung der Rahmenbedingungen, z.B. bei der Elektromobilität der Ladeinfrastruktur. Dazu hat EnergieSchweiz die «Roadmap Elektromobilität» lanciert, ein breit angelegter Förderprozess unter Einbezug aller interessierten Kreise. Aber auch beim Sharing, bei der Eco-Fahrweise und aktuell beim Velo sehen wir eine positive Entwicklung, was sehr wichtig ist, denn gerade Velos (ob mit oder ohne Batterie) sind viel effizienter als Elektrofahrzeuge und für kurze und mittlere Strecken eine gesunde Alternative zum Auto.

Der Gebäudesektor ist mit 34 Prozent weniger Emissionen als 1990 besser unterwegs als die anderen Sektoren. Doch der Trend ist zu gering, um das Reduktionsziel von 40 Prozent bis 2020 zu erreichen. Wie unterstützen Sie hier die weitere nachhaltige Entwicklung?

Mit dem Gebäudeprogramm werden Gebäudeeigentümer beim Heizungsersatz, bei der Dämmung der Gebäudehülle oder bei umfangreichen Sanierungen sowie bei der Erstellung von hocheffizienten Neubauten finanziell unterstützt. Auch der Bau von erneuerbaren Fernwärmenetzen wird subventioniert. In diesem Rahmen wurden 2020 440 Mio. Franken durch die Kantone verpflichtet. Das sind 100 Mio. mehr als 2019 und doppelt so viel wie noch 2016. Damit nehmen die CO2-Emissionen im Gebäudebereich weiter ab und das Gebäudeprogramm leistet einen wichtigen Beitrag zur Erreichung der CO2-Ziele.

Neben den Gebäudevorschriften der Kantone (MuKEn) gibt es eine Reihe von freiwilligen Massnahmen, im Rahmen von EnergieSchweiz wie beispielsweise das Programm «erneuerbar heizen». Es stehen für Gebäudebesitzende zudem die Gebäudelabels (GEAK, Minergie, SNBS und 2000-Watt-Areal) zur Verfügung, mit denen der Gebäudebestand analysiert und optimiert bzw. der Neubau bereits energetisch optimal oder gar nachhaltig erstellt werden kann. Zentral ist jedoch, dass all diese Massnahmen verpuffen, wenn nicht genügend qualifizierte Fachkräfte verfügbar sind, die für die konkrete Umsetzung notwendig wären. Gegenwärtig sehen wir in diesem Bereich grosse Herausforderungen. Bereits heute - aber verstärkt noch in der Zukunft. Deshalb hat EnergieSchweiz bereits 2020 zusammen mit der (Bau-)Branche die «Bildungsoffensive Gebäude» gestartet.

Keine fossilen Heizungen mehr ab 2030 – was bedeutet das?

Wollen wir die Zielsetzung Netto-Null bis 2050 erreichen, dürfen ab 2030 – bei einer angenommenen Lebensdauer einer Heizung von 20 Jahren – keine fossilen Heizsysteme mehr eingesetzt werden. D.h. die Fachleute sowie Hauseigentümerinnen und Hauseigentümer haben noch maximal zehn Jahre Zeit, sich vollständig auf erneuerbare Heizsysteme auszurichten.

Die technischen Lösungen stehen bereit, werden aber noch zu selten angewendet. Für Hauseigentümerinnen und -eigentümer sind die Installation erneuerbarer Lösungen etwas aufwendiger. Daher brauchen sie eine gute Beratung, damit sie auch wirklich das für sie beste System auswählen können. Da kommen wir wieder auf den Punkt von vorhin zurück: Diese Beratung ist anspruchsvoll und braucht entsprechende ausgebildete Fachkräfte. Dank der von EnergieSchweiz lancierten Impulsberatung «erneuerbar heizen» stehen schweizweit heute bereits über 1800 solcher Fachleute zur Verfügung.

Wichtig ist hier auch, dass wir nicht nur auf elektrische Lösungen setzen sollten, sondern die weiteren Potenziale wie Abwärme, Biomasse, Geothermie und Wärmespeicher gut nutzen. Dies entlastet den Strombedarf fürs Heizen, insbesondere im Winter.

Wer soll das planen, bauen und betreiben? Wie ist die Branche da gefordert?

Einerseits ist dieser Umbau eine Chance für die bestehende Branche und die Schweizer Wirtschaft. Andererseits werden wir auch neue Marktteilnehmer sehen, die diese Chance und Lücken nutzen werden. Für mich ist klar, dass wer stehen bleibt, sinkende Marktchancen haben wird. Das Zauberwort ist hier Wandel – rascher Wandel für goldene Zeiten!

Was wird es neben neuen Gesetzen und Subventionen auch noch brauchen?

Wir brauchen zwingend wie bereits erwähnt genügend gut ausgebildete Fachkräfte. Wir haben aber auch im Bereich administrative Hemmnisse noch grosses Potenzial. Zudem braucht es das Engagement der ganzen Bevölkerung, der Unternehmen und der Verwaltung, um die Ziele zu erreichen. Deshalb sollten wir ihre Bedürfnisse und Hemmnisse gut verstehen und sie so gut wie möglich unterstützen. Zu guter Letzt würde ein bisschen mehr Wir-Gefühl oder «Yes-we-can» auch nicht schaden.

Glauben Sie persönlich, dass wir das angestrebte Ziel Netto-Null bis 2050 bei anhaltender wirtschaftlicher Prosperität in unserem Land erreichen?

Das Erreichen des Netto-Null-Ziels ist eine Voraussetzung für unsere zukünftige Prosperität. Das Wohlergehen unserer Umwelt ist nicht von unserem Wohlergehen trennbar. Gleichzeitig bietet Netto-Null auch ein grosses exportierbares Marktpotenzial und eine grössere Unabhängigkeit von importierten fossilen Energieträgern (oder Brenn- und Treibstoffen). Entsprechend bin ich überzeugt, ja das Team Schweiz schafft das!

www.gebaeudetechnik-kongress.ch

www.energieschweiz.ch

 

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