Energetische Sanierung

Dieses 1937 erbaute Einfamilienhaus in Malters (Kanton Luzern) machte dank der energetischen Sanierung den Sprung von der GEAK-Klasse G in die Klasse A. (Foto: Energie Schweiz)

Der Energy Performance Gap ist wichtig, aber...

Die Diskussion um den «Energy Performance Gap» beschäftigt Schweizer Gebäudeexperten schon seit geraumer Zeit. Eine neue Studie nutzt zu dessen Bestimmung nun eine sehr breite Datenbasis – und kommt zu teilweise überraschenden Schlussfolgerungen.

Der Gebäudeenergieausweis der Kantone (GEAK) wurde im Jahr 2009 lanciert. Elf Jahre später verfügen rund 90 000 Gebäude über einen GEAK. Er gibt darüber Auskunft, wie energieeffizient die Gebäudehülle ist und wie viel Energie ein Gebäude bei einer Standardnutzung benötigt. Wer eine ­Liegenschaft in der GEAK-Klasse A besitzt, dessen Gebäude ist exzellent wärmegedämmt und verfügt über eine optimale Gebäudetechnik.

Häuser, die gerade die aktuell geltenden Vorschriften für Neu­bauten erfüllen, fallen in die GEAK- Klasse B, gesamthaft sanierte Altbauten in der Regel in Klasse C, teilweise sanierte Gebäude oft in Klasse D. Darüber hinaus gibt es viele Gebäude, die einer energetischen Erneuerung bedürfen. Sie sind in den GEAK-­Klassen E oder F zu finden, mitunter auch in Klasse D.

Der GEAK ist eine leicht verständliche Energieetikette. Sie ermöglicht Eigen­tümern und Eigentümerinnen, den energetischen Zustand ihrer Liegenschaft zu beurteilen. Ein GEAK wird anlässlich einer Begehung des Gebäudes erstellt. Dabei beurteilt eine Fachperson die Wärmeschutzmassnahmen des Gebäudes. Sie bezieht die Verbrauchsdaten für Heizung, Warmwasser und Strom der letzten Jahre in die Berechnung mit ein, sofern diese verfügbar sind.

Aus dem Resultat können die Gebäudeeigentümer ablesen, ob eine energetische Sanierung angebracht ist. Ein ergänzender Beratungsbericht (GEAK Plus) enthält drei Varianten, welche Erneuerungsmassnahmen wie umgesetzt werden könnten.

«Energy Performance Gap» des Schweizer Gebäudebestands

Für Gebäudeforscher ist die GEAK-Datenbank ein willkommenes Instrument, mit dem sie den Zustand des Schweizer Gebäudeparks beurteilen können. Sie bildet denn auch die Basis einer Studie mit dem Namen GAPxPLORE, in der Forscherinnen und Forscher der Universität Genf, der Fachhochschule der italienischen Schweiz (SUPSI) und der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) den «Energy ­Per­formance Gap» untersucht haben.

Diese «Leistungslücke» beschreibt die seit Jahren bekannte Tatsache, dass der von Planern berechnete Energieverbrauch eines ­Gebäudes mitunter beträchtlich vom ­tatsächlich gemessenen Energieverbrauch abweicht. Liegt ein Mehrverbrauch gegenüber der Berechnung vor, spricht man von «Positive Performance Gap», bei einem Minderverbrauch gegenüber der Berechnung von einem «Negative Performance Gap».

In den letzten Jahren wurden zu dem Thema etliche Studien veröffentlicht, oft auf der Basis von Fallbeispielen. Die Autoren und Autorinnen der GAPxPLORE-Studie haben nun – neben anderen Quellen – auf rund 35 000 Gebäude aus der GEAK-Datenbank zurückgegriffen und weitere Quellen ausgewertet. Auf diesem Weg versuchten sie, den «Energy Performance Gap» für den gesamten Schweizer Gebäudepark verlässlich zu bestimmen. Die Untersuchung wurde vom Bundesamt für Energie unterstützt.

Gebäude verbrauchen mehrheitlich weniger als berechnet

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler fanden auf der Basis der GEAK-­Daten einen «Negative Performance Gap» und bezifferten diesen auf durchschnittlich sechs Prozent. Das Schweizer Durchschnittsgebäude verbraucht demnach sechs Prozent weniger Energie (für Heizung und Warmwasser), als die standardisierten Berechnungen, auf die sich Gebäudeplaner stützen, es voraussagen.

Dieser Wert zeigt allerdings nur die halbe Wahrheit, weil bei der Berechnung die Gebäudegrösse mit einfliesst und in einer grösseren Liegenschaft der «Energy Performance Gap» in der Regel weniger ausgeprägt ist als in kleinen Gebäuden. Betrachtet man den Medianwert, beträgt der «Negative ­Performance Gap» elf Prozent.

Anders ausgedrückt: Die Hälfte der untersuchten Gebäude hat gegenüber dem Planwert einen Minderverbrauch von elf oder mehr Prozent. Bei der anderen Hälfte ist der Minderverbrauch geringer als elf Prozent – oder der Energieverbrauch ist sogar höher als der Planwert. Die Autoren der Untersuchung bezeichnen das Ergebnis als «ermutigend». Die Abweichung zwischen dem vorgängig berechneten und tatsächlich gemessenen Energieverbrauch sei «kleiner als die in früheren Fallstudien für die Schweiz ermittelten Werte».

Verschiedene frühere Studien unter Nutzung grosser Datenbanken kamen für andere europäische Länder wie Frankreich, Belgien, Deutschland oder die Niederlande zum Schluss, dass der «Energy Performance Gap» je nach Gebäudetyp unterschiedlich hoch ausfällt. Demnach verbrauchen ­Gebäude mit schlechter Wärmedämmung (schlechter GEAK-Klasse) weniger Energie als erwartet (auf Basis der SIA-Normen berechnet). Genau umgekehrt verhält es sich demnach bei gut gedämmten Gebäuden (guter GEAK-Klasse): Sie verbrauchen gemäss diesen Studien mehr Energie, als es die Planungsunterlagen der Architekten voraussagen.

Die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler von GAPxPLORE fanden diese Tendenz in ihrer Untersuchung für die Schweiz bestätigt: Bei sehr schlecht gedämmten Gebäuden (GEAK-Klasse G) ist der tatsächliche (gemessene) Energieverbrauch 40 Prozent tiefer (um 134 kWh pro Quadratmeter und Jahr) als erwartet (berechnet. Bei umfassenden Gesamt­sanierungen (GEAK-Klasse B) hingegen liegt der tatsächliche Verbrauch nicht unter, sondern über dem Planwert, und zwar um zwölf Prozent (um 8,3 kWh pro Quadratmeter und Jahr).

Ein solcher ­«Positive Performace Gap» liegt nicht bei sehr gut gedämmten Neubauten vor, wie die Studie zeigt und damit zu einem anderen Ergebnis gelangt als viele frühere Untersuchungen: Die in der aktuellen Studie berücksichtigten Minergie-P- und Minergie-A-zertifizierten Neubauten unter­schreiten die Planwerte im Schnitt um zwölf Prozent bzw. 16 Prozent.

Energetische Sanierungen lohnen sich

Sehr ungünstig macht sich die Kluft ­zwischen Planwert und Messwert bei einer Sanierung bemerkbar. Da der Planwert den tatsächlichen Energieverbrauch vor der Sanierung überschätzt und nach der Sanierung unterschätzt, wecken die Planwerte mitunter unrealistisch hohe Erwartungen an Gebäudeerneuerungen.

«Steigt ein Gebäude dank der Sanierung von GEAK-Klasse G zu Klasse B auf, erwartet man gestützt auf die Planzahlen Einsparungen von 240 kWh pro Quadratmeter und Jahr, was völlig unrealistisch ist», sagt Stefano Cozza, Gebäudeforscher an der Universität Genf und Co-Autor der Studie.

Die Erwartung an den Einspareffekt von Sanierungen mag in vielen Fällen also ­überhöht sein. Das heisst nun aber nicht, dass Gebäudeerneuerungen energetisch nur auf dem Papier wirksam sind, nicht aber in der Realität. Das Gegenteil ist der Fall: Die ­Anstrengungen ermöglichen durchaus beträchtliche Einsparungen, wie die GAPxPLORE-Forscher mit Bezug auf rund 1200 Gebäude zeigen konnten, für die vor und nach einer energetischen Sanierung ein GEAK ausgestellt wurde.

Mit Blick auf die untersuchten Gebäude hält der Schlussbericht der Untersuchung fest, «dass die energetische Sanierung trotz Erhöhung der beheizten Fläche um sieben Prozent die Halbierung des Endenergieverbrauchs für Heizzwecke und der CO₂-Emissionen ermöglicht hat. Diese Analyse bestätigt, dass anspruchsvolle Energiesparziele im Gebäude­bestand oftmals erreicht werden. Dies könnte auch für Politiker und Investoren motivierend wirken».

Planung ist keine Verbrauchsprognose

Trotz der breiten Datenbasis beanspruchen die Autorinnen und Autorin der GAPxPLORE-Studie für ihre Ergebnisse nicht uneingeschränkte Gültigkeit. So lassen sie am Ende ihrer Untersuchung offen, ob die GEAK-Daten den Schweizer Gebäudebestand tatsächlich repräsentativ abbilden.

Sie geben auch zu bedenken, die in den letzten Jahren intensiv geführte Debatte um den «Energy Performance Gap» beruhe vermutlich auf einer falschen Prämisse: nämlich der Annahme, die planerische Berechnung des Energiebedarfs könne als Prognose des erwarteten Energiebedarfs gedeutet werden. Dies aber sei eine ­Fehlinterpretation: «Tatsächlich hat der während der Entwurfsphase eines Gebäudes ermittelte theoretische Energiebedarf nicht das Ziel, den tatsächlichen End­energieverbrauch vorherzusagen, sondern liefert vielmehr eine Entscheidungsgrundlage für die wichtigsten bautechnischen Optionen mit dem Ziel der Einhaltung des Energiebedarfs gemäss standardisierter Bedingungen bzw. im Einklang mit gesetzlich festgelegten Grenzwerten.»

Das unterstreicht auch ein Blick in die Geschichte der SIA-Norm 380/1: Ursprünglich wurde diese für die Bedarfsberechnung verwendete Norm geschaffen, um die Überprüfung von gesetzlichen Anforderungen zu ermöglichen.

* Benedikt Vogel, Fachjournalist im Auftrag des Bundesamts für Energie (BFE)