Judith Bellaiche, Nationalrätin GLP, hat das Executive MBA an der HSG abgeschlossen und anschliessend ein Start-up mitgegründet. Beruflich übernimmt die Geschäftsführerin des Wirtschaftsverbands Swico nebst der Interessensvertretung für die Digitalindustrie Eigenverantwortung für eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft. Bellaiche ist verheiratet und Mutter von zwei Söhnen. (Bild: Thomas Entzeroth)

«Die Schweiz braucht mehr Unternehmertum»

In der Pandemie steht die Digitalisierung auf dem Prüfstand. Als Swico-Geschäftsführerin deckt Judith Bellaiche Defizite auf und gibt Tipps, wie sich der Schaden begrenzen lässt. Sie geht auf die intelligente Verteilung von Elektrizität, Datenschutz, Cybersicherheit sowie Energieeffizienzmassnahmen im Gebäudebereich ein.

Frau Bellaiche, seit Ende letzten Jahres vertreten Sie für die GLP u. a. Digitalisierungs- und Energievorhaben im Nationalrat. Was waren Ihre ersten Erfahrungen und Eindrücke?

Sie waren natürlich geprägt von den besonderen Umständen rund um Corona: das «Exil» in der Berner Expo, die Plexiglasabschirmungen und die ständigen Unwägbarkeiten. Für mich als neue Parlamentarierin hat das den Einstieg in das parla-mentarische Geschehen schon etwas erschwert, denn es fehlten mir die Netzwerke und die Austauschmöglichkeiten. Ich musste auch erkennen, wie anfällig das Parlament ist: Wir verfügen bis heute über keine digitale Ausweichmöglichkeit!

Als Swico-Geschäftsführerin wird Ihnen die Digitalisierung ein wichtiges Anliegen sein. Wo stehen wir bezüglich Digitalisierung in der Schweiz?

Die Privatwirtschaft verfügt insgesamt über einen ausgezeichneten Stand und eine hohe Innovationskraft. Ich erlebe unsere Unternehmen als engagiert und willens, in der Digitalisierungsfrage Leadership zu übernehmen. Auch die Privathaushalte sind – nicht zuletzt aufgrund der durchschnittlich hohen Kaufkraft – gut mit Wissen und Technik ausgestattet. Bei der Grundbildung – sprich Primar- und Mittelschulen – besteht jedoch erheblicher Nachholbedarf: Das Bildungswesen verfügt meines Erachtens nicht über ausreichend Digitalkompetenz und orientiert sich noch immer zu stark an den Berufsbildern der Vergangenheit.

Speziell in der aktuellen Pandemie machen sich Defizite bezüglich Digitalisierung bemerkbar – Stichwort Contact-Tracing oder Impfpass. Wie sehen Sie das?

Die Pandemie hat die Lage der Bundesverwaltung schonungslos aufgedeckt. Die Situation ist sehr bedenklich. Am meisten besorgt mich, mit welcher Selbstverständlichkeit die Bundesverwaltung die eigene «Digitalinkompetenz» anerkennt und sogar propagiert. Sie wirkt schon fast resigniert und versucht nicht einmal, Terrain gut zu machen. Vor allem das BAG, das derzeit besonders exponiert ist, gibt den Eindruck, als wäre Digitalisierung eine Art Spielerei und erkennt nicht, welche Bedeutung diese für unsere Volkswirtschaft und Gesellschaft hat.

Welche Tipps oder Rezepte haben Sie bezüglich Digitalisierung, sodass wir möglichst glimpflich durch diePandemie kommen und auch nachher noch gut aufgestellt sind?

Von glimpflichem Durchkommen kann eigentlich nicht mehr die Rede sein. Wir sprechen höchstens noch von Schadensbegrenzung. Erstens muss die Datenlage erheblich verbessert werden: Ohne zuverlässige und standardisierte Datenerhebung kommen wir nicht aus dieser Situation heraus. Zweitens müssen Bund, Kantone und Wissenschaft endlich miteinander und nicht gegeneinander arbeiten, gerade auch bei der Digitalisierung. Und drittens hat der Bundesrat eine wichtige Vorbildfunktion beim Einsatz von digitalen Hilfsmitteln: Ausreden für die Nichtbenutzung von Apps und anderen digitalen Instrumenten sind schlicht peinlich und schaden der Sache. Ich plädiere ausserdem für den Einsatz eines Krisenstabs, der Entscheidungsgewalt bei Digitalisierungsfragen erhält.

Eine Frage noch zum Datenschutz: Gerade in der Pandemie erhält der Datenschutz eine grössere Beachtung. Was ist diesbezüglich zu beachten und was wünschen Sie sich?

Datenschutz spielt für das Vertrauen in digitale Instrumente eine zentrale Rolle. Wir müssen der Versuchung widerstehen, aufgrund der Pandemiebekämpfung individuelle Daten sammeln und speichern zu wollen. Das könnte der zukünftigen Entwicklung der Digitalisierung schaden. Wenn immer möglich sollten wir auf dezentrale und datensparsame Modelle setzen. Hier hat die Schweiz bislang einen guten Weg gewählt, nicht zuletzt dank der Vorreiterrolle der ETH.

Wie steht es in der Schweiz rund um das Thema Cybersicherheit und was müssen Unternehmen diesbezüglich beachten?

Es ist klar, dass die Angreifbarkeit mit wachsender Digitalisierung zunimmt. Leider nehmen die Schutzmassnahmen nicht überall im selben Tempo zu. Gerade unsere KMU sind sich nicht immer bewusst, welchen Gefahren sie ausgesetzt sind. Häufig denken sie, sie seien für Cyberkriminelle nicht interessant. Das stimmt aber nicht – gerade kleinere Unternehmen sind erpressbar, weil sie oft über keine oder ungenügende Sicherheitsmassnahmen verfügen.
Ich finde, in diesem Bereich macht der Staat gute Fortschritte und verfügt mit dem NSCS über eine zentrale Melde- und Wissenszentrale, die der gesamten Wirtschaft dient. Aber auch Unternehmen müssen ihre Hausaufgaben machen,indem sie einerseits technisch aufrüsten, aber vor allem ihr Personal schulen.

Auch Gebäudeinformatiker sind immer mehr gefragt. Was können Sie uns zu diesem Berufsbild und deren Zukunft sagen?

Intelligente, vernetzte Gebäude werden an Bedeutung gewinnen, insbesondere bei Grossprojekten im Kontext von Bauverdichtungen. Aber auch bei Gebäuden, die öffentlichen Aufgaben dienen, wie zum Beispiel Spitäler, Werkhöfe oder Sportanlagen gibt es noch viel Potenzial. Viele Effizienz- und Modernisierungsmöglichkeiten sehe ich auch bei grossen Hotels. Der Beruf ist insofern besonders spannend, als er vordergründig zwar den Bau betrifft, aber in Wirklichkeit dem Menschen und seinen Bedürfnissen im räumlichen Alltag dient.

Mit Andri Silberschmidt wollen Sie über die Parteigrenzen hinweg mit dem TeamStartup KMU und deren Innovationsfreudigkeit in der Schweiz fördern. Was steckt hinter dieser Idee und was sind Ihre Ziele?

Andri und ich sind überzeugt, dass die Schweiz mehr Unternehmertum braucht. Unsere Gesetze und Verordnungen werden nicht mit Fokus auf Jungunternehmen gemacht und weisen häufig unnötige Hürden und Erschwernisse auf. Wir möchten Start-ups und Unternehmer*innen im Parlament ein Sprachrohr bieten und die Bedeutung von innovationsfreundlichen Rahmenbedingungen in Politik und Verwaltung hervorheben.

Welches sind für Sie geeignete Massnahmen, um die Energiestrategie 2050 zu fördern?

Es gibt keinen anderen Weg als Kostenwahrheit: Energieverbrauch muss ehrlich bepreist werden und externe Kosten berücksichtigen. Ansonsten werden wir nie Fortschritte erzielen. Wir müssen auch eine Anreizstruktur schaffen, die Energiesparen belohnt – sowohl für Unternehmen als auch für Haushalte. Bei Mietwohnungen beispielsweise haben Eigentümer und Mieter unterschiedliche Interessen. Mieter haben keinen Einfluss auf die Sanierung der Gebäudehülle oder Heizung, zahlen aber letztlich die Rechnung.

Wie würden Sie Energieeffizienzmassnahmen im Gebäudebereich fördern und die Sanierungsrate in der Schweiz erhöhen?

Es gibt da einen gewissen Zielkonflikt: Die Sanierungsrate alleine führt nicht automatisch zu mehr Energieeffizienz. Häufig hat eine Sanierung zur Folge, dass geräumigere Wohnung entstehen, wo vorher mehr Haushalte in weniger Raum wohnten. Die Effizienz des Gebäudeparks ist auch eine Frage der Suffizienz, ein in der Schweiz schwieriges Thema. Die Effizienz des einzelnen Gebäudes muss seinerseits in Verbindung mit dem täglichen Energiekonsum der Menschen gebracht werden, die sich darin aufhalten.
Aber ungeachtet dessen ist eine Erhöhung der Sanierungsrate grundsätzlich anzustreben, zumal sie in den meisten Fällen auch zu einem Wechsel der Energiequelle hin zu erneuerbaren Energien führt. Um die Sanierungsrate zu erhöhen, müsste man die Regulierungsdichte endlich überprüfen. Die ungeheure Anzahl Vorschriften sind sehr kostentreibend und haben den Baupreis pro Kubikmeter in den letzten Jahrzehnten stark verteuert. Bisweilen ist gar nicht mehr klar, welches Ziel die Vorschriften verfolgen.

Wie sehen Sie die Schweiz bezüglich Digitalisierung und Energiestrategie in der Zukunft und was wünschen Sie sich?

Die Digitalisierung hat hier sehr viel zu bieten, nicht nur beim Thema Bauen, sondern auch bei der Mobilität oder der intelligenten Verteilung von Elektrizität über Raum und Zeit. Ich wünsche mir ein höheres Bewusstsein für diese Möglichkeiten und ein mutigeres Vorgehen bei deren Umsetzung. Ich wünsche mir allgemein einen Paradigmenwechsel bei der Diskussion um den Energieeinsatz in der Zukunft: Weg von Angstmacherei und Blackout-Szenarien, hin zu einem intelligenten und chancenorientierten Umgang mit unseren Ressourcen.