Porträt Andreas Rothen

Andreas Rothen (40) ist seit vier Jahren Geschäftsführer der Act Cleantech Agentur Schweiz. (Foto: Nicole Wagner)

Porträt Andreas Rothen

Andreas Rothen (40) ist seit vier Jahren Geschäftsführer der Act Cleantech Agentur Schweiz. (Foto: Nicole Wagner)

Effizienzsteigerungen lohnen sich immer

Der ökologische Fussabdruck der Schweizer Industrie und Gewerbe ist zu gross. Deshalb sollen Massnahmen zur Effizienzsteigerung den CO₂-Ausstoss reduzieren und Energie einsparen. Energieeffizienz ist das Schlüsselwort auch für Andreas Rothen, Energieexperte und ­Geschäftsführer der Act Cleantech Agentur Schweiz.

Das revidierte Energiegesetz wurde 2017 vom Stimmvolk angenommen und Anfang 2018 in Kraft gesetzt. Wie schätzen Sie das Energiebewusstsein der Schweizerinnen und Schweizer zwei Jahre später ein?

Das Bewusstsein ist hierzulande in den Köpfen angekommen. Unsere direkte Demokratieform fordert, dass sich die Bevölkerung unmittelbar mit dem Thema auseinandersetzt. Der Wahlerfolg der Umweltparteien ist nicht zuletzt auch auf die Themen Klimaschutz und Energie ­zurückzuführen. Ich spüre das gesteigerte Bewusstsein aber auch in meiner lang­jährigen Beratertätigkeit als Energie­experte. Die Resonanz ist beträchtlich und die Menschen reagieren durchwegs positiv auf das Thema.

Wie sieht es mit dem konkreten Willen bei Unternehmen aus, den ­Betrieb energetisch zu optimieren?

Der ist ebenso gross. Nicht erst seit der kantonalen Umsetzung des revidierten Energiegesetzes, welches beispielsweise für die Grossverbraucher Optimierungen vorschreibt. Um als Unternehmen mit Produktionsstandort in der Schweiz ­international wettbewerbsfähig zu bleiben, muss man an sämtlichen Prozessen arbeiten. Mit einer verbesserten Energieeffizienz lässt sich viel Geld ein­sparen. Wieso also darauf verzichten?

Der Rechner auf der Website von Act fällt auf – was hat es damit auf sich?

Ich werde oft darauf angesprochen. Der Rechner soll den Besuchern zeigen, dass es sich lohnt, in Energieeffizienzmassnahmen zu investieren. Mit dem Rechner symbolisieren wir auf eine simple und sehr ­anschauliche Art, dass nicht nur Kosten ­entstehen, sondern auch viel Geld gespart werden kann.

Die Act Cleantech Agentur Schweiz ist vom Bund beauftragt, den Vollzug der Klima- und Energiegesetzgebung zu unterstützen. Welches sind Ihre ­Anspruchsgruppen?

Wir beraten Unternehmen aus allen ­Bereichen der Wirtschaft – von der Lebensmittelproduktion, Hotellerie, Metallverarbeitung bis hin zu Skigebieten. Zum einen gehen wir direkt auf potenzielle Kunden zu, zum anderen profitieren wir auch vom Netzwerk unserer Partner und den knapp 70 akkreditierten Energiespezialistinnen und -spezialisten.

Wie gehen Sie bei einem Auftrag vor?

Unsere Dienstleistung umfasst in der Regel fünf Schritte. Zuerst analysieren wir den Betrieb: Der Energiespezialist verschafft sich einen Überblick und wertet bestehende Energiedaten aus. In einem zweiten Schritt evaluieren wir aufgrund einer umfassenden Energieanalyse die Massnahmen. Dabei berechnen wir die Investitionskosten wie auch die Wirtschaftlichkeit. In einem ­dritten Schritt wird die Zielvereinbarung definiert, die von den Behörden geprüft wird. Die Umsetzung der Massnahmen sowie die Erfolgsmessungen sind dann noch die letzten beiden Schritte.

Wie oft wird der Erfolg gemessen?

Die Erfolgskontrolle machen wir jährlich. Mit dieser dokumentieren wir die Wirkung der Massnahmen. Dadurch profitieren die Unternehmen von tieferen Energiekosten und allfällig von der Rückerstattung von Abgaben.

Worin bestehen die finanziellen ­Entlastungen?

Unternehmen mit einer Zielvereinbarung bekommen einerseits den Netzzuschlag rückerstattet. Dieser beträgt im Moment 2,3 Rappen pro Kilowattstunde. Voraussetzung für eine Rückerstattung ist, dass die Elektrizitätskosten mindestens fünf Prozent der Bruttowertschöpfung ausmachen und der Stromverbrauch mindestens 870 Megawattstunden pro Jahr erreicht.

Und andererseits?

In der Befreiung von der CO-Abgabe. Unternehmen können sich von der CO-Abgabe befreien lassen, indem sie sich gegenüber dem Bund verpflichten, CO-Emissionen abzubauen. Die CO-Abgabe liegt heute bei 96 Franken pro Tonne – es ist jedoch absehbar, dass sie weiter erhöht wird.

Freiwillige Zielvereinbarungen zur Senkung des CO-Ausstosses sind ein Mittel für Unternehmen, ihre Energiebilanz zu verbessern. Haben sich diese bewährt?

Ja, das System der freiwilligen Zielvereinbarung hat sich bewährt. Für mich aus zwei Gründen: Zum einen schreibt sich das Unternehmen Energiesparziele auf die Fahne. Damit setzt es sich mit dem Thema bewusst auseinander. Zum anderen lässt der Prozess Spielraum: Im Zuge der ­mehrjährigen Zielvereinbarung können bestehende Massnahmen angepasst und neue definiert werden. Die Massnahemen sollen sich für die Unternehmen rechnen: Hinter jeder eingesparten Kilowattstunde und Tonne CO stecken ausgewiesene Payback-Zeiten.

Wohin gehen in der Regel die Lösungsvorschläge bei den Optimierungs- und Sanierungsmassnahmen?

Der Katalog ist dick, doch die wichtigsten Hebel im Klimaschutz und bei der Energieeffizienz orten wir in den Bereichen Prozesswärme und in den Produktions- und ­Ablaufprozessen. Typische Massnahmen bei der Prozesswärme sind die Wärmerückgewinnung, die Abwärmenutzung oder die bedarfsgerechte Regelung der Anlagen.

Sie greifen sogar in Ablaufprozesse ein?

Wenn sich die Massnahme rechtfertigt und lohnt, dann ja.

Immer wieder zu hören ist die Kritik, dass sich nur grössere oder finanzstarke Unternehmen solche Massnahmen und Investitionen leisten können. Wie sieht es mit den kleineren Unternehmen aus?

Diese Kritik ist nicht berechtigt, denn fast 50 Prozent unserer evaluierten Massnahmen kosten weniger als 5000 Franken. Auch für kleinere Unternehmen ist das finanzierbar. Die Massnahmen und Zielgrössen orientieren sich in jedem Fall am wirtschaftlichen Potenzial des Unternehmens. Die Payback-­Zeiten der vorgeschlagenen Massnahmen betragen vier bis acht Jahre. Innerhalb dieser Zeitspanne müssen die Massnahmen durch die Energieeinsparungen refinanziert sein.

Besteht die Möglichkeit einer Förderung oder Fremdfinanzierung?

Die besteht, zum Beispiel in Form eines Energie-Contractings. Eine durchaus ­­interessante und in der Praxis häufig verwendete Form. Der Contractor garantiert die Energie- und CO-Einsparungen. Dabei müssen sich die Unternehmen weder um die Projektentwicklung noch um die Investitionen in die Anlagen kümmern. Finanziert wird das Contracting über die Einsparung. Weitere Fördermittel stellen auch die Klimastiftung Schweiz sowie der Bund und die Kantone zur Verfügung. Sie finanzieren zum Beispiel die Erstberatung oder ­unterstützen einzelne Massnahmen mit Förderbeiträgen. Damit reduzieren sich die Investitionen für die Betriebe weiter.

Um eine aktuelle Grössenordnung zu erhalten – wie viele Unternehmen ­machen in solchen Programmen mit, und wie hoch schätzen Sie generell das Aufholpotenzial in der Schweiz ein?

Es ist sehr schwierig, hier eine Grössen­ordnung zu vermitteln. Ich vertraue diesbezüglich den Zahlen von Energie Schweiz. Sie teilt in ihren Aufstellungen die Unternehmen nach ihrem Energieverbrauch ein. In der Kategorie «Kleine Verbraucher» – das sind KMUs mit weniger als 100 MWh pro Jahr – listet Energie Schweiz ein Potenzial von 400 000 Kleinstunternehmen auf. Der Anteil am Gesamtstromverbrauch dieser Gruppe macht jedoch nur rund 10 Prozent aus. Dazu als Vergleich die Grossverbraucher mit mehr als 500 MWh pro Jahr. Deren Stromverbrauch beziffert Energie Schweiz auf 60 Prozent des Gesamtverbrauchs. Von den 10 000 Unternehmen dieser Gruppe haben erst ca. 5000 eine Zielvereinbarung abgeschlossen, obwohl sie mittlerweile in fast allen Kantonen gesetzlich dazu verpflichtet wären.

Fast ein Drittel des klimaschädlichen CO-Ausstosses der Schweiz stammt aus dem Gebäudesektor. Beraten Sie auch Immobilienfirmen oder private Wohneigentümer diesbezüglich?

Wir haben einzelne Beratungsmandate bei Immobilienfirmen. Privatpersonen beraten wir jedoch nicht. Das ist auch nicht unsere Aufgabe. Es gibt hingegen auch für diese Anspruchsgruppen kantonale oder schweizweite Programme. Zum Beispiel das Programm «erneuerbar heizen» von Energie Schweiz, welches eine Impulsberatung anbietet.

Das neue CO-Gesetz dürfte wohl bald verabschiedet werden. Was sind Ihre Erwartungen?

Das Gesetz soll die Grundlage legen für die nächsten zehn Jahre. Ich erwarte, dass der Prozess der CO-Absenkung weitergeführt wird und neue, weitergehende Schritte eingeführt werden. Auch wenn die Covid-­19-Pandemie die Dynamik der Dekarbonisierung medial in den Hintergrund gerückt hat, bin ich überzeugt davon, dass der Wandel machbar und auch sinnvoll ist. Damit erreichen wir nicht nur die Klimaziele, es werden auch neue Arbeitsplätze und viel neues Know-how generiert.