Fachleute aus verschiedenen Disziplinen sprachen zu den Herausforderungen der Bau- und Immobilienbranche von morgen. (Bild: zVg)

Eine gemeinsame Sprache am Bau finden

Der vom SIA konzipierte und von den Fachverbänden «Die Planer» und Electrosuisse mitgetragene nationale Gebäudetechnik-Kongress wurde nun zum vierten Mal durchgeführt. 220 Teilnehmer aus den Bereichen Forschung, Architektur, gebäudetechnische Fachplanung, Installationsgewerbe und Facility-Management nahmen daran teil.

Die Veranstalter der als Online-Veranstaltung durchgeführten Gebäudetechnik-Kongresses haben sich viel vorgenommen: Einerseits soll die ganze Komplexität der anstehenden Klimakrise und andererseits die Vielfalt zukunftstauglicher Gebäudetechnik-Lösungen einem Fachpublikum präsentiert werden. Einige technische Pannen bei der digitalen Aufbereitung und beim Datenempfang liessen erahnen, dass der von Wirtschaftsjournalist Reto Lipp moderierte Grossanlass in einem echten Raum etwas angenehmer zu erleben gewesen wäre  ̶  trotz zuweilen inhaltlich starken Beiträgen.

Vernetzung ist angesagt

Einige Referentinnen und Referenten machten richtigerweise auf die Komplexität der erforderlichen Energiewende aufmerksam. Kristina Orehounig vom Urban Energy Systems Laboratory an der Empa verwies auf die Stellschrauben auf, damit eine halbwegs nachhaltige Energieversorgung gelingt. Sie muss viel effizienter sein als heute (Reduktion des Energieverbrauchs), integrierend organisiert (in Netzwerken) und intelligent steuerbar sein (via Digitalisierung). Sie skizzierte eine übergeordnete Infrastruktur an Umwandlern und Speichern in einer Netzstruktur aus elektrischem Strom, Erdgas, Fernwärme und Wasserstoff. Städte und Gemeinden tun gut daran, ihre Energiemasterpläne aufzusetzen, die solche künftigen Strukturen vorsehen. Arealentwickler, Liegenschaftsbetreiber und Energieversorger hätten ihre optimale Rolle zu erfüllen, um das gemeinsame Ziel einer möglichst CO2-freien Energiewirtschaft zu erreichen, wie sie auch anhand von Anwendungsbeispielen aus der Schweiz (Chur, St. Gallen) aufzeigen konnte.

Eis und Energie

Heiko Lüdemann, Geschäftsführer von Viessmann Eis-Energiespeicher GmbH, stellte Eis-Energiespeichersysteme für komplexe Anwendungsbereiche vor. Solche können zu geringen Betriebskosten betrieben und mit anderen gebäudetechnischen Komponenten (wie beispielsweise Wärmepumpen, Solarkollektoren) kombiniert werden. Ein Eis-Energiespeicher speichert Energie aus regenerativen Quellen verlustfrei auf niedrigem Temperaturniveau. Als Besonderheit wird Kristallisationsenergie nutzbar, die beim (langsamen) Phasenübergang von Wasser zu Eis frei wird. Das hierbei entstehende Eis steht zur kostenlosen Kühlung zur Verfügung. Durch ein optimales Wärmequellenmanagement gelingt es, die Jahresarbeitszahl der Wärmepumpen im Einsatz zu optimieren.
Lüdemann präsentierte Grossprojekte wie Logistik-Verteilzentren, das Stadtarchiv Köln. Ebenso spannend das Beispiel das Energiemanagementsystem der Nautischen Zentrale Hamburg, welches den Kühlbedarf eines nahegelegenen Rechenzentrums einbezieht und so im Zusammenspiel der Technologien (Eisspeicher, WP, Reserve-Gas- und Ölkessel) Heiz- und Kühlbedarf regelt, dabei die CO2-Emissionen und die Betriebskosten – im Vergleich zu konventioneller Brennwerttechnik und Kompressionskälte – massiv senkt.

Branchenprobleme

Patrick Kutschera, Geschäftsführer des Programms EnergieSchweiz vom Bundesamt für Energie legte den Fokus auf den anhaltenden Fachkräftemangel in der Gebäudetechnik, die gewissermassen die Anstrengungen der viel beschworenen Energiewende konterkariert: Eine Bildungsoffensive tut not.
Markus Mettler, CEO der Halter AG, diagnostizierte die Bau- und Immobilienbranche als zu fragmentiert, zu reguliert und zu Silo-organisiert, ausserdem produktivitäts- und margenschwach. Er plädierte u.a. für mehr Kompetenzen bei den Bestellern eines Baus, für die Implementierung integrierter Prozesse über den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes und für das Verfügbarhalten durchgängiger, wiederverwendbarer Daten: Viele Voraussetzungen, damit der Einstieg in eine funktionierende Kreislaufwirtschaft gelingt.
Janine Stampfli von der Hochschule Luzern sprach zur erneuten Aufwertung von Tageslicht als strukturierendes Element der Architektur. Seit April 2019 ist die neue Schweizer Norm SN EN 17037 in Kraft. Sie ist die Schweizer Fassung einer neuen europaweiten Norm, die sich mit der Tageslichtversorgung, der Aussicht, dem direkten Lichteintrag und dem Schutz vor Blendung in Gebäuden befasst. Sie gilt für alle Räume, die regelmässig über längere Zeit von Menschen genutzt wird und sich ausschliesslich mit der Tageslichtgestaltung und -versorgung in Gebäuden befasst. Die Norm zeigt: Tageslicht wird zunehmend als wichtiger Faktor der psychosozialen Gesundheit anerkannt.

Der Turmbau zu Babel

Anschliessend zu den Referaten diskutierten Experten zur bedingten Kommunikationsfähigkeit in der Bau- und Immobilienbranche. Werner Sobek, Architekturprofessor an der Universität Stuttgart, sprach gar von einem «Turm zu Babel», die ein Hindernis darstellt, um eine gemeinsame Vorstellung des künftigen Bauens zu entwickeln.

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