(Bild: Nicolas Zonvi)

Energieversorgung neu denken

Jürg Grossen* hat mit seiner Roadmap die Debatte zur Klimazukunft neu lanciert. Für den Präsidenten der Grünliberalen Partei ist die Energieversorgung erneuerbar, CO2-neutral, wirtschaftlich und sicher, ohne Versorgungslücke auch im Winter. Die Energie von morgen: lokal, effizient und sauber.

Herr Grossen, Ende November 2020 skizzierten Sie in Ihrer Roadmap einen möglichen Weg zur Umsetzung der Energiestrategie. Darf man diesen als möglichen Weckruf verstehen?
Ich wollte im Hinblick auf die CO2-Abstimmung die Debatte neu lancieren, vor allem auch, um den Kräften entgegenzuwirken, die die Energiestrategie 2050 als Hirngespinst abtun. Mein Weg ist also nicht das Konstrukt eines Fantasten, der sich Luftschlösser baut, sondern ein faktenbasierter Weg.

Sie haben fünf Wegmarken definiert. Wie sehen diese aus?
Die Roadmap basiert auf dem Ausbau und der Weiterentwicklung vorhandener Technologien, wie zum Beispiel der Photovoltaik, der Elektromobilität oder von smarten Stromnetzen. Das Ziel ist Netto Null zu erreichen, und für mich steht die Frage im Vordergrund, wie wir dieses Ziel erreichen wollen. Nämlich mit der Steigerung der Stromeffizienz, der Elektrifizierung von Verkehr und Gebäuden, dem Zubau von Photovoltaik, der Harmonisierung von Stromverbrauch und -produktion und mit saisonalen Speichern.

Die Steigerung der Stromeffizienz – ein grosses Potenzial?
Das Potenzial ist enorm, denn heute verpufft ein grosser Teil des produzierten Stroms, ohne einen direkten Nutzen zu generieren. Beispielsweise im Stand-by-Modus von Geräten oder wenn alte Geräte im Einsatz sind. Gemäss dem Bundesamt für Energie sind alleine mit dem Austausch von IT-, Büro- und Unterhaltungselektronik-Geräten Effizienzgewinne von bis zu 60 Prozent zu erreichen.

Mit Ihrem Bürogebäude in Frutigen gehen Sie mit gutem Beispiel voran?
Wir verbrauchen im Bürogebäude für 40 Mitarbeitende 80 Prozent weniger Strom als in vergleichbaren Gebäuden in der Schweiz. Dank einer intelligenten Gebäudesteuerung und einem optimierten Lastmanagement leben wir die Wirkung eines energieeffizienten Gebäudes vor. Der Energieverbrauch und die Solarstromproduktion vom eigenen Dach sind optimal aufeinander abgestimmt.

Jede eingesparte kWh trägt also zur Energiewende bei?
Mir ist klar, dass nicht alle Gebäude in der Schweiz so funktionieren können. Selbst für uns war es ein ambitioniertes Projekt. Doch ein Elektrogerät, einen Bewegungsmelder oder alte Motoren in Pumpen und Lüftungsanlagen mit neuen zu ersetzen, die weniger Energie verbrauchen, dürfte keine grosse Hürde darstellen. In der Summe der Einzelmassnahmen lässt sich viel erreichen. Jede Kilowattstunde, die nicht verbraucht wird, muss nicht produziert, nicht transportiert und auch nicht zwischengespeichert werden und trägt somit zur Wende bei.

Und auf was für Zahlen sind Sie gekommen?
Wenn wir den Verkehr und die Gebäudeversorgung elektrifizieren wird der Gesamtenergieverbrauch um 40 Prozent und über die verbesserte Stromeffizienz zusätzlich um weitere 13 Prozent gesenkt. Integrale Gebäudetechnik und eine optimierte Abstimmung von Heizungen, Lüftungen, Sanitär- und Elektroanlagen leisten dabei einen wichtigen Beitrag.

Der Ehrgeiz der Gebäudetechnik-Branche sollte noch mehr geweckt werden?
Richtig. Die Gebäudetechnik spielt eine immens wichtige Rolle in der Energiewende. Die Branche sollte sich für diesen Erneuerungsprozess begeistern. Das Geniale an dieser Geschichte ist, dass die Gebäudetechnik in dieser Story eine Hauptrolle spielt. Sie ist das Epizentrum. Ich wünsche mir, dass beispielsweise der Heizungs- wie oder auch der Elektromonteur am Morgen aufsteht und sich sagt, dass er die klimaneutrale Schweiz mit baut und damit seinen Nachkommen etwas Sinnvolles hinterlässt. Nicht nur die Gebäudetechnik-Branche ist gefordert, sondern auch die Architekten und Ingenieure. Heute herrscht immer noch zu viel Silodenken, es fehlt das Bewusstsein für eine integrale Bauweise.

Eine weitere Wegmarke Ihrer Roadmap sieht einen massiven Ausbau der Photovoltaik vor?
Die Voraussetzung für eine CO2-neutrale Schweiz ist die Abkehr von fossilen Energieträgern im Verkehr wie in den Gebäuden. 60 Prozent der Wohngebäude werden heute immer noch mit Öl oder Gas geheizt. Künftig wird, neben der Wasserkraft, der Solarstrom zum zweiten tragenden Pfeiler der Energieversorgung. Der Zubau auf Dächern und Fassaden unserer Gebäude ist zu beschleunigen. Das Gebäude der Zukunft ist Kraftwerk und Tankstelle zugleich.

Die Elektrifizierung führt zwangsläufig zu einem höheren Stromverbrauch. Eine Versorgungslücke droht?
Die Elektrifizierung des Verkehrs und des Gebäudeparks führt zu einem höheren Strombedarf. Das habe ich in meiner Roadmap berücksichtigt, in dem ich sowohl das prognostizierte Bevölkerungs- wie auch das Verkehrswachstum miteingerechnet habe. Das Bundesamt für Energie rechnet in seinen Energieperspektiven 2050+ mit 77 bis 89 TWh Strom pro Jahr, ich komme auf 72 TWh. Der heutige Stromverbrauch beträgt 62 TWh. Für die Deckung des wegfallenden Atomstroms sowie des zusätzlichen Strombedarfs ist der Ausbau der Photovoltaik genauso zentral wie die Harmonisierung von Stromverbrauch und Stromproduktion.

Wie sieht dieser Zubau in Ihrer Roadmap aus?
Die Solaroffensive soll bis ins Jahr 2050 mindestens 40 TWh Strom pro Jahr produzieren. Das ist fast doppelt so viel, wie die heute in Betrieb stehenden vier Atomkraftwerke ins Netz speisen. Dazu würde es rund 250 Quadratkilometer Solarzellen auf den rund 650 Quadratkilometer Schweizer Dachflächen brauchen, das ist machbar.

Die Harmonisierung von Produktion und Verbrauch ist ein weiterer Punkt?
Ein wesentlicher sogar. Es muss gelingen, das Zusammenspiel der erneuerbaren Stromproduktion mit sämtlichen Verbrauchern zu koordinieren. Das gelingt nur, wenn wir die Energie dort produzieren, wo sie auch verbraucht wird, in und an den Gebäuden.

Eigenverbrauchsgemeinschaften wären ein solches Modell?
Ja, die Solarstrom-Eigenverbrauchsgemeinschaften sind ein Vorgeschmack auf die Energiezukunft. Der Stromverbrauch wird damit optimal auf die Stromproduktion angepasst, indem Wärmepumpen, Boiler, Elektroautos und Waschmaschinen zielgerichtet angesteuert werden, wenn die Solaranlage produziert. In solchen Verbünden lassen sich ganze Überbauungen zum Vorteil der Bewohnerinnen und Bewohner weitgehend eigenständig mit Strom vom Dach versorgen. Der Schlüssel: die intelligente Steuerung.

Doch eines bleibt bei der Photovoltaik. Im Winter droht eine Lücke – in der Regel ist der Strombedarf zu dieser Jahreszeit höher. Wie gehen Sie diese Thematik an?
Die Stromlücke im Winter besteht schon heute, sie wird mit Importen kompensiert. Wollen wir möglichst eigenständig werden, sind wir auf Speichertechnologien angewiesen. Stromschwankungen im Tages- und Wochenbereich können mit Pumpspeicherung, Wasserstoff oder mit Second-Life-Batterien aus Fahrzeugen ausgeglichen werden. Die Saisonspeicherung des überschüssigen Sommerstroms erfolgt mittels Power-to-X-Technologien.

Letztere sind nicht für einen hohen Wirkungsgrad bekannt?
Der Wirkungsgrad liegt bei nur etwa 35 Prozent. Doch die Technologien sind entwicklungsfähig, und um Umwandlungsverluste zu reduzieren, können synthetische Treib- und Brennstoffe wie beispielsweise Methanol sowie Wasserstoff auch direkt genutzt werden. Beispielsweise im Schwerverkehr oder für Maschinen in der Bau- oder Landwirtschaft. Eines ist sicher: Wollen wir die Winterstromthematik lösen, muss auch in den Bergregionen in Photovoltaik investiert werden. Windenergie, Geothermie und zusätzliche Wasserkraft ergänzen die Winterstromproduktion optimal.

Kommen wir noch zur Wirtschaftlichkeit.
Der Trend zur CO2-freien Schweiz hat eingesetzt. Vor Kurzem wurde das revidierte CO2-Gesetz von beiden Räten angenommen. Ein wichtiger Schritt in Richtung Klimaschutz und CO2-neutrale Schweiz. Die Schweiz gibt heute jährlich über 20 Milliarden Schweizer Franken jährlich für Öl, Gas und Atomstrom aus. Ein grosser Teil des Geldes fliesst ins Ausland. Ohne Return on Investment. Bei Investitionen in Photovoltaikanlagen oder intelligente Steuerungen bleibt hingegen ein grosser Teil der Wertschöpfung in der Schweiz. Und das über Jahrzehnte hinweg.

Die Klimajugend hat einen ziemlich umfangreichen Aktionsplan veröffentlicht. Haben Sie diesen schon einsehen können?
Der Klimaaktionsplan ist sehr umfassend, ich habe ihn überflogen. Ich begrüsse jede Forderung, die neue Denkprozesse auslöst. Im energetischen und klimatischen Erneuerungsprozess ist mir aber auch wichtig, dass die Bevölkerung wie auch die Wirtschaft hinter einem Strategieprozess stehen. Mit extremen Forderungen ist da nichts zu erreichen.

Sie gehen einen pragmatischen Weg. Was ist Ihnen dabei wichtig?
Die Energiezukunft ist grösstenteils elektrisch und digital. Wir werden mit Stromeffizienz, Speichertechnologien und dem Zubau von Photovoltaik unabhängiger. Heute sind wir energetisch wegen des hohen Öl- und Gas-Verbrauchs zu 75 Prozent vom Ausland abhängig. Wir sollten eine saubere und möglichst unabhängige Energieversorgung anstreben.

Wenn Sie einen Wunsch an die Politik offen hätten: Wie würde dieser aussehen?
Solange wir Strom verbrauchen, ohne damit einen Nutzen zu generieren, ärgert mich das. Stromeffizienz muss sich künftig lohnen, dafür müssen die Rahmenbedingungen gesetzt werden. Darf ich noch einen zweiten Wunsch äussern?

Bitte!
Im Verhältnis zwischen Versorgungssicherheit, Resilienz oder Unabhängigkeit muss die Politik die Spielregeln festlegen. Diese bestimmen den Kreislauf von Effizienz, Speicher und Zubau der Photovoltaik. Erreichen wir beispielsweise mehr Effizienz, müssen wir weniger zubauen. Die Politik sollte zukunftsgerichteter regulieren, an den technologischen Fortschritt glauben und in der Energiepolitik den langfristigen Nutzen über einen kurzfristigen Erfolg stellen.

In Ihrem Editorial schreiben Sie, dass die Schweiz in 30 Jahren ein anderes Land sein wird. Was ist Ihre Vision der energetischen Schweiz?
Sie soll komplett erneuerbar, CO2-neutral und trotzdem sicher sein, auch im Winter. Mein grosses Lebensziel ist, dass ich im Jahr 2050 sagen kann, dass wir das erreicht haben, wofür ich mich trotz aller Widrigkeiten jahrelang eingesetzt habe. Ich wäre dann 81 und hoffe, dass ich das erleben darf. 


* Jürg Grossen (52) ist Mitbegründer und Mitinhaber des Elektroplanungsbüros Elektroplan Buchs & Grossen AG. Die Firma wurde im Jahr 1994 gegründet. Hohe Fachkompetenz und Innovation zeichnet das Unternehmen aus. Unter einem Dach sind mit Elektrolink und Smart Energy Link auch zwei Tochterfirmen. Elektrolink ist auf Gebäudeautomation und die Programmierung und Visualisierung elektrischer Geräte und intelligenten Steuerungen, Smart Energy Link auf den Eigenverbrauch von Solarstrom spezialisiert. Jürg Grossen ist Präsident der Grünliberalen Partei Schweiz, die er auch im Nationalrat vertritt. Des Weiteren ist er unter anderem seit 2017 Präsident der Konferenz Schweizerischer Gebäudetechnik-Verbände (KGTV) und des Elektromobilverbands Swiss eMobility. Jürg Grossen ist verheiratet und Vater dreier Kinder.