Nationalrat Matthias Samuel Jauslin: «Uns fehlt ein Leuchtturm-Projekt, womit wir aufzeigen können, dass wir mit Tiefengeothermie sogar Strom erzeugen können.» (Bilder: Patrick Lüthy)

Nationalrat Matthias Samuel Jauslin: «Die Kernenergieforschung haben die Stromkonzerne auch nicht aus eigenen Mitteln gestemmt. Auch damals sprach der Staat beträchtliche Fördermittel bis zur Marktreife.»

«Energiewende geht nicht ohne Knowhow der Geothermie…»

Forschungs- und Entwicklungsarbeit zur tiefen Geothermie muss – trotz Rückschlägen in der jüngeren Vergangenheit - weiterhin vorangetrieben werden, damit die Energiewende gelingt, davon ist Unternehmer und Nationalrat Matthias Samuel Jauslin überzeugt. In einem Vorstoss verlangt er den Aufbau einer öffentlich zugänglichen Wissensplattform zum Untergrund der Schweiz.

In einem Vortrag zur «Dekarbonisierung der Wärmeversorgung» sprach sich eine Mitarbeiterin des Bundesamtes für Energie (BFE) jüngst für Technologieoffenheit als Teil der nationalen Klimastrategie aus. Ihre Haltung zur Tiefengeothermie ist von Vorsicht geprägt. Man verspreche sich viel davon, aber der Erfolg sei immer noch ungewiss.
Matthias Jauslin: Angesichts der Dringlichkeit der Klimafrage müssen wir alle möglichen Technologiepotenziale ausschöpfen. Meine im September 2020 eingereichte Motion «Schluss mit der Blackbox» beauftragt den Bundesrat, ein Programm zur schweizweiten Erkundung des Untergrunds vorzulegen.
Dieser ist im Vergleich zum Ausland kaum erforscht. Das Programm soll möglichst engmaschig Daten liefern. Aufgrund des notwendigen Ausstiegs aus fossilen Energieträgern ist es zwingend, dass die Schweiz ihre Georessourcen (Erdwärme, Grundwasser u.a.) als strategische Güter besser nutzt. Angesichts des sich ändernden Klimas werden die Erschliessung neuer Grundwasserquellen oder die Nutzung von Erdwärme zur Beheizung und Kühlung von Gebäuden sowie zur Stromproduktion immer zentraler. Der Untergrund wird aber auch als Speicher für den saisonal schwankenden Bedarf an Wärme oder Kälte ein zentrales Gut. Soll die Schweiz bis 2050 das gesetzte Ziel von Netto-Null-Treibhausgasemissionen erreichen, wird zudem die Einlagerung von CO2 in tiefen Schichten wohl unverzichtbar.

Erfolgreiche Geothermie-Projekte im Pariser Becken, rund um München und im Oberrheingraben profitieren vom Glück eines besser erforschten oder vorteilhaften Untergrunds?
Die genannten Regionen haben insofern einen Vorteil, dass frühere Erkundungsbohrungen der Erdöl- und Erdgasindustrie ein geologisches Mehrwissen generierten. Der Oberrheingraben zieht sich ja weit in die Schweiz hinein. Man kann davon ausgehen, dass die anzutreffenden Gesteinsformationen sich vom benachbarten Ausland kaum unterscheiden. Aber wir haben eine Wissenslücke aufzuarbeiten, weil wir kaum von früheren Explorationsprojekten profitieren konnten. Ausserdem planen wir im Parlament eine Vorlage, welche zur Offenlegung der einmal von einem Ingenieur- oder Geologenbüro erhobenen Primärdaten verpflichtet. Davon profitieren wir alle.

In seiner Antwort auf Ihre Interpellation zum möglichen Entzug der Baubewilligung für die Tiefenbohrung in der Gemeinde Haute-Sorne durch die jurassische Kantonsregierung «bedauert» der Bundesrat ein solches Vorgehen. Waren Sie damit zufrieden?
Immerhin hat es mich gefreut, dass der Bundesrat die Tiefengeothermie nach wie vor ernsthaft berücksichtigt für die Energiestrategie 2050 und zusätzliche finanzielle Mittel für das Projekt Haute-Sorne gesprochen hat.
Das ist ein wenig das Problem dieser Technologie. Uns fehlt ein Leuchtturm-Projekt, womit wir aufzeigen können, dass damit sogar Strom erzeugt werden kann. Aber die Explorationsbohrungen in mittleren Tiefen, wie sie zurzeit im Kanton Genf unternommen werden, machen Mut, dass es möglicherweise nicht mehr so lange dauern wird, bis wir in der Schweiz zumindest die Erdwärme aus mittleren Tiefen für Wärmeverbünde erschliessen können.

Aus der Energie-Strategie des Kantons Aargau lese ich: «Aufgrund einer hohen Wärmestromdichte in weiten Teilen des Kantons sind die Voraussetzungen für Geothermie-Nutzung prinzipiell günstig.» Der Kanton sieht vor, Projekte zur Erhöhung des Geologie-Verständnisses zu leisten. Um die Geothermie-Szene Aargau ist es ruhig geworden. Weshalb?
In der Gründungsphase der Vereine Geothermische Kraftwerke Aargau (VGKA)  war man von der Vorstellung beflügelt, dank der guten geologischen Voraussetzungen im Aargau bald ein geothermisches Kraftwerk zu bauen. Davon sind wir weit entfernt. Wir bleiben aber aktiv und zeigen an Informationsveranstaltungen die Möglichkeiten der Geothermie und deren wichtigen Beitrag zur Energiewende auf.  Es liegt auch an der Branche, möglichen Investoren aufzuzeigen, dass es funktionierende Businessmodelle in der Geothermie gibt.

Aber bis die Geothermie aus grossen und mittleren Tiefen als zuverlässige Technologie funktioniert und grossflächig ausgebreitet werden kann, ist wohl Geduld gefragt.
Nehmen Sie die untiefe Geothermie. Im Wohnungs- und Eigenheimbau funktioniert die Erschliessung von Wärme aus Tiefen von rund 200 Metern mit Erdwärmesonden und dank des Temperaturhubs durch eine Wärmepumpe einwandfrei. Pro Jahr werden 2,5 Millionen Meter Erdwärmesonden verbaut. Erschliessungsprojekte für das Gewinnen von Geothermie aus mittleren Tiefen sind der nächste Schritt, um ganze Quartiere einer zunehmend verstädterten Schweiz mit Energie zu versorgen. Zahlreiche Stadtwerke werden sich in naher Zukunft auch den Einbezug der Geothermie für ihre Wärmenetze im Aufbau überlegen müssen: Wie soll ich eines Tages Altstädte oder Siedlungskerne wie beispielsweise Aarau beheizen? Auch grosse Städte wie Zürich werden solche Überlegungen anstellen, auch wenn sie parallel dazu den Energiegehalt des Seewassers nutzen werden.

Das Interview führte Manuel Fischer*

(*Auszug aus der ausführlichen Print-Version – nachlesbar in HK-Gebäudetechnik Nr. 05-2021 / bzw ET Elektrotechnik 05-2021 / Planer-Installateur 05-2021)

Kurzbiografie

Matthias Samuel Jauslin (59), Nationalrat FDP, eidg. dipl. Elektroinstallateur, ist Geschäftsleiter der 19889 mit Partnern gegründeten Jost Wohlen AG. Neben seinen unternehmerischen und politischen Aktivitäten ist er u.a. Vizepräsident im Stiftungsrat für den Technopark Aarau, im Vorstand von Swiss eMobility und seit 2020 Präsident der Fachvereinigung Wärmepumpen Schweiz (FWS). Jauslin ist verheiratet und Vater einer Tochter und zweiter Söhne.