(Fotos: Colourbox.com / Studie Jürg Rohrer, ZHAW)

Abbildung 2: Verhältnis zwischen Reduktionspotenzialen, welche realistischerweise durch direkte Entscheidungen einer Privatperson realisiert werden können (blau) und Reduktionspotenziale, welche eine Änderung der Rahmenbedingungen (politische Massnahmen) erfordern (grau).

Abbildung 3: Realistische Beeinflussung der THG-Emissionen einer durchschnittlichen, in der Schweiz lebenden Person. Die blaue Säule «Eigenverantwortung» umfasst die THG-Emissionen, welche im direkten Einflussbereich dieser Person liegen und realistischerweise von dieser Person auf freiwilliger Basis erwartet werden können. Die restliche Reduktion muss durch politische Massnahmen in die Wege geleitet werden.

Klimaerwärmung: Mit Freiwilligkeit erreichen wir nur 20% der Ziele per 2050

In Diskussionen über Lösungsvorschläge zur Klimaerhitzung wird oft mit Bezug auf das Prinzip der Eigenverantwortung betont, die Massnahmen der Schweiz müssten auf Freiwilligkeit beruhen und Änderungen in den Rahmenbedingungen werden als unnötig abgelehnt. In einer ZHAW-Studie hat Jürg Rohrer deshalb untersucht, welchen Anteil freiwillige Massnahmen von Privatpersonen im Vergleich zu politischen Massnahmen zum Klimaschutz der Schweiz leisten können.

Der Fussabdruck der Treibhausgase, welche jeder Schweizer durchschnittlich emittiert, entspricht 13.6 Tonnen CO2-Äquivalenten pro Jahr. Die Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW ist im Auftrag der Schweizerischen Energie-Stiftung SES der Frage nachgegangen, welchen Anteil freiwillige Massnahmen von Privatpersonen im Vergleich zu politischen Massnahmen leisten können, um die Klimaschutzziele der Schweiz bis 2050 zu erreichen.

Freiwilligkeit allein führt nicht zum Ziel
Die Studie kommt zum Schluss, dass realistischerweise gerade mal ein Fünftel der Schweizer Treibhausgasemissionen durch freiwillige Entscheidungen vermieden werden können. Gemeint sind persönliche Verhaltensänderungen wie eine Verminderung der Anzahl Flüge, des allgemeinen Konsums, ein Umstieg auf vegetarische oder vegane Ernährung sowie etwa auf Elektromobilität. Studienautor Jürg Rohrer, Leiter Forschungsgruppe Erneuerbare Energien ZHAW, dazu: «Leider hört man gerade in Abstimmungskampagnen oft das Schlagwort ‘Eigenverantwortung’. Damit erreichen wir die Klimaziele aber bei weitem nicht.»
Durch sehr ambitionierte, freiwillige Entscheidungen (Eigenverantwortung) könnten die Treibhausgas-Emissionen einer durchschnittlichen, in der Schweiz wohnhaften Person um etwas mehr als die Hälfte reduziert werden. Zur Reduktion der restlichen Emissionen sind veränderte Rahmenbedingungen, d.h. politische Massnahmen erforderlich. Bei realistischer Betrachtung kann aber höchstens ein Drittel dieser ambitionierten Massnahmen durch Eigenverantwortung von Privatpersonen umgesetzt werden, was die Wirkung von Eigenverantwortung auf etwa 20% der erforderlichen Reduktionen limitiert. Die politischen Massnahmen erschliessen für eine in der Schweiz wohnhafte Person somit ein vier Mal grösseres Treibhausgas-Reduktionspotenzial als Massnahmen, welche freiwillig umgesetzt würden.

Einfluss von negativen Emissionstechnologien (NET)
Privatpersonen können und sollen durch freiwillige Massnahmen einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der Schweizer THG-Emissionen leisten. Bei nur halbwegs realistischen Annahmen bleibt der Anteil der freiwilligen Massnahmen von Privatpersonen an der erforderlichen THG-Reduktion, wie oben gezeigt, aber weit unter 50%.
Anstatt die Emissionen an der Quelle zu reduzieren, könnten die Treibhausgase auch mit sogenannten negativen Emissionstechnologien (NET) nachträglich aus der Atmosphäre entfernt werden. Neben der Absorption von CO2 aus der Luft und Speicherung im Untergrund (CCS) zählen dazu unter anderem Aufforstungen von neuen Wäldern, die Produktion von Pflanzenkohle und deren Speicherung in der Erde, Düngung der Ozeane, um das Algenwachstum zu fördern, verteilen von Basalt-Staub auf der Erd-oberfläche oder die Abscheidung von CO2 bei der Verbrennung von Biomasse verbunden mit der langfristigen Speicherung von diesem CO2 irgendwo im Untergrund. Je länger die Schweiz mit der Umsetzung des Vertrages von Paris zögert, desto eher muss CO2 vor und nach dem Jahr 2050 wieder aus der Atmosphäre entfernt werden. Die Entwicklung dieser Technologien und insbesondere die Abschätzung ihrer Risiken ist noch nicht weit fortgeschritten und wird hohe Geldsummen erfordern.
Welche Technologien sollen eingesetzt werden? Wer wird den Bau und den Betrieb solcher Anlagen finanzieren? – Auch dies wird wieder politische Entscheide und Rahmenbedingungen erfordern. Durch ein Hinauszögern von wirkungsvollen Klima-Massnahmen wird der Bedarf an politischen Massnahmen deshalb eher zu- als abnehmen.
Dies bedeutet, dass in der Schweiz nichts an politischen Massnahmen zur massiven Reduktion der THG Emissionen vorbeiführt. Politische Massnahmen zum Klimaschutz werden zum Beispiel von der Bevölkerung in der EU sogar gewünscht: Gemäss einer kürzlichen Umfrage der Europäischen Investitions-bank (EIB) befürworten 70% der befragten Einwohner der EU stärkere politische Massnahmen zum Klimaschutz (EIB, 2021).

Schlussfolgerung
Zur Begrenzung der Klimaerhitzung sind sowohl persönliche Verhaltensänderungen und Investitionen als auch politische Massnahmen wichtig. Wenn sich alle Einwohner der Schweiz im persönlich beeinflussbaren Bereich optimal klimafreundlich verhalten, könnten die THG-Emissionen etwa um die Hälfte gesenkt werden. Die restlichen Reduktionen erfordern politische Massnahmen. Diese erschliessen für eine in der Schweiz wohnhafte Person realistischerweise ein vier Mal grösseres Treibhausgas-Reduktionspotenzial als die Massnahmen, welche diese Person freiwillig wählen wird.
Letztendlich braucht es sowohl freiwillige Verhaltensänderungen als auch politische Massnahmen. Politische Massnahmen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen sind deshalb für die Schweiz sehr wichtig und dringend. Wer Klimaschutz in der Schweiz nur über die Eigenverantwortung von Privatpersonen erzielen will, kann das Netto-Null-Ziel in der geforderten Zeit unmöglich erreichen. Schlimmer noch: Damit werden die wirkungsvollsten Instrumente, die politischen Massnahmen, verzögert und bekämpft.

SES/ZHAW-Studie «Klimaerhitzung: Welchen Beitrag können Eigenverantwortung bzw. politische Massnahmen leisten?»
www.energiestiftung.ch > Informieren > Studien > November 2021
ZHAW digitalcollection: https://doi.org/10.21256/zhaw-2419