Claudia Lüling, Architektin und Nachhaltigkeitsberaterin bei der Werner Sobek AG, forderte am Schweizer Bauforum 2022 den Paradigmenwechsel weg vom linearen Gebrauch hin zum «closed loop design». (Bilder: zVg)

Das diesjährige Schweizer Bauforum besuchten rund 150 Bau- und Immobilienfachleute. Das Forum wird veranstaltet vom Institut für Gebäudetechnik und Energie (IGE) und vom Institut für Finanzdienstleistungen Zug (IFZ) der Hochschule Luzern in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk Nachhaltiges Bauen Schweiz (NNBS).

Schweizer Bauforum 2022

Nachhaltiges Bauen – nachhaltige Immobilien

«Kreislaufwirtschaft konkret»: Das war das Fokusthema des Schweizer Bauforums 2022, in der Suurstoffi in Rotkreuz. 150 Bau- und Immobilienfachleute diskutierten miteinander darüber, wie Bauen und Bauten nachhaltiger werden können.

Nachhaltiges Bauen gelingt nur, wenn man in Kreisläufen denkt. Darüber waren sich die Referenten am diesjährigen Schweizer Bauforum zum Thema «Nachhaltiges Bauen – Nachhaltige Immobilien» einig. Ivo Angehrn, Leiter Beratung Nachhaltigkeit und Digitalisierung bei Drees & Sommer, sprach über die wichtigsten Säulen der Kreislaufwirtschaft im Baubereich: den Bestand möglichst erhalten, Bauteile wiederverwenden, Materialien rezyklieren und Neubauten kreislauffähig zu machen. Gerade das Potential des «Urban Mining», des Wiederverwendens von Bauteilen, sei gross; die Gebäude von heute seien die Rohstoffe von morgen.

Gebäude als temporärer Ressourcenspeicher

Claudia Lüling, Architektin und Nachhaltigkeitsberaterin bei der Werner Sobek AG, forderte den Paradigmenwechsel weg vom linearen Gebrauch hin zum «closed loop design». Darin begreift sich das Gebäude als Lebensabschnitt des verwendeten Materials, als temporärer Ressourcenspeicher. Das Ziel ist, dass alle zur Herstellung eines Baus benötigten Ressourcen vollständig wiederverwendbar, wiederverwertbar oder kompostierbar sind. Als Beispiel für diesen Ansatz stellte sie die Experimentaleinheit «Urban Mining & Recycling» (UMAR) im NEST in Dübendorf vor.

Markus Steinmann, Geschäftsführer der Senn Technology AG, betonte, es müsse im Planungsprozess viel früher als heute klar sein, was wie gebaut werde, damit zum Beispiel auch die Trennbarkeit der Materialien für die künftige Wiederverwendung gewährleistet sei. Als Beispiel präsentierte er das Experimentalprojekt HORTUS von Herzog de Meuron, das neue Standards in Sachen Nachhaltigkeit setzen und bereits nach 30 Jahren energiepositiv sein soll. Auch wenn ein solches Projekt heute noch einen enormen Aufwand bedeute, müsse man sich darüber im Klaren sein, dass das die Zukunft sei.

Ein Ringen nach Lösungen

Kerstin Müller, Co-Geschäftsführerin der Zirkular GmbH, hob ebenfalls die Dringlichkeit hervor, neue Wege des Bauens zu finden, und sprach von einem «Ringen nach Lösungen». Sie betonte, dass der Erhalt bestehender Bauten die höchste Form der Kreislaufwirtschaft sei. Im Berufsalltag fordere sie deshalb immer wieder dazu auf, zu überdenken, ob ein Ersatzneubau wirklich nötig sei.

Philippe Jorisch von JOM Architekten AG, Präsident der Berufsgruppe Architektur des SIA, unterstrich, wie wichtig es sei, dass sich grosse Berufsverbände wie der SIA in die Politik einbrächten. Er sprach über die parlamentarische Initiative «Schweizer Kreislaufwirtschaft stärken», bei der sich der SIA im Rahmen der Vernehmlassung eingebracht und wichtige Forderungen platziert habe.

Marvin King, Architekt und Bauökonom an der Hochschule Luzern, referierte unter anderem über die Bilanzierung der Umweltbelastung eines Gebäudes von der Realisierung bis zur Entsorgung. Mit der Frage «How much does your building weigh – counting CO2 not calories» neben einem Foto der Skulptur «Fat House» von Erwin Wurm regte er das Plenum zum Nachdenken über die Ökobilanz von Bauten an.

Mark Inderbitzin von Boltshauser Architekten zeigte anhand konkreter Projektbeispiele aus seiner Praxis auf, wie sich der Lehmbau in den letzten Jahren weiterentwickelt hat, welche Gestaltungsmöglichkeiten sich mit dieser lokalen Ressource bieten und welche Herausforderungen damit verbunden sind.

Bauteil-Recycling als rechtliches Neuland

Architekt und Jurist Oliver Streiff, Dozent an der ZHAW, beleuchtete die rechtlichen Rahmenbedingungen bei der Wiederverwendung von Bauteilen. Noch sei das Recht nicht für diese neue Baupraxis eingerichtet, denn es ergebe sich daraus ein neuartiges Geflecht von Vertragsbeziehungen. Dieser neuen Komplexität müsse das Recht Rechnung tragen. Zwischenhändler, welche Bauteile sammeln, lagern und zur Wiederverwendung verkaufen, würden das rechtliche Konstrukt vereinfachen; bis jetzt sei dieses Geschäftsmodell allerdings noch selten. Trotz der auf den ersten Blick hohen Komplexität der Abhängigkeiten motivierte er zum Handeln und damit zum Finden zunehmend einfacher Lösungen.

«Closing the Circle»

Neue Wege, um Kreisläufe zu schliessen, geht auch V-Zug, wie Marcel Niederberger, Leiter Nachhaltigkeit beim Unternehmen, darlegte. Der Ansatz sei, Ressourcen so lange wie möglich in der höchstmöglichen Güte im Kreislauf zu behalten. Mit «Product as a Service» bietet V-Zug mit der Miete eine Alternative zum Kauf. Das Gerät bleibt im Besitz der Firma, kommt nach der Miete zurück in die Fabrik und seine Teile können wiederverwendet werden.

Jürgen M. Volm, Dozent an der Hochschule für Technik Stuttgart und Partner bei Pom+Consulting, zeigte zum Schluss auf, dass doch noch zahlreiche Kreisläufe auf dem Weg zur Circular Economy geschlossen werden müssten: von der gezielten Förderung des zirkulären Bauens durch den Gesetzgeber bis zum einheitlichen Zirkularitätsindex zur Bewertung der Kreislauffähigkeit. Volm erinnerte zudem daran, dass Fachpersonen für die Kreislaufwirtschaft erst einmal ausgebildet und neue Berufsbilder – vorstellbar wäre etwa ein «Circular Engineer» – geprägt werden müssten.

Das grosse Interesse am diesjährigen Bauforum und die intensiven Frage- und Diskussionsrunden zeigten, dass das Thema des zirkulären Bauens als Antwort auf die Forderung nach Netto-Null angekommen ist. Bisher sind konkrete Umsetzungen jedoch selten, und es gilt noch viele Herausforderungen in technischer, prozessualer und rechtlicher Hinsicht zu meistern.

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