Lindenhof Andelfingen Mauerwerk

Low-Tech-Lösung: Bei der Sanierung eines Riegelhauses im zürcherischen Andelfingen wurde die Bruchsteinwand im ursprünglichen Zustand belassen. (Foto: Herrmann Partner)

Nur selten ein Entweder-oder

Denkmalgeschützte Bauten stammen in der Regel aus Zeiten, in denen Nachhaltigkeit und Energiestrategien noch keine Themen waren. Diese Bauten zu erhalten und sie gleichzeitig in eine nachhaltige Zukunft zu überführen, ist eine Kunst – und verlangt Kompromisse.

«Gott schütze mich vor Staub und Schmutz, vor Feuer, Krieg und Denkmalschutz.» So steht es in einen Eichenbalken geritzt über der Einfahrt zu einem Anwesen im deutschen Hofheim am Taunus. Diesen Wunsch teilt dem Vernehmen nach auch in der Schweiz so mancher Bauherr. «Aber es ist wie mit der Geschichte von der Spinne in der Yucca-Palme», sagt Beat Eberschweiler, kantonaler Denkmalpfleger im Kanton Zürich. «Jemand kennt jemanden, der jemanden kennt, der mal von jemandem hörte, der mit der Denkmalpflege im Clinch sei. Das führt zu Vorurteilen, die sich ­hartnäckig halten.»

Dabei verlaufe die Zusammenarbeit zwischen Denkmalpflege und Bauherrschaft in den allermeisten Fällen unproblematisch. Schliesslich gehe es darum, zu Resultaten zu kommen, die für alle Beteiligten vertretbar seien. Beat Eberschweiler: «Die Experten der Denkmalpflege verstehen sich als Bauberater mit einem grossen Erfahrungsschatz, nicht als Bauverhinderer.»

Den Charakter erhalten

Beat Eberschweiler kann natürlich nur für die Verhältnisse im Kanton Zürich sprechen. Denn die Denkmalpflege wird in der Schweiz kantonal gehandhabt. Dennoch ist das Verständnis des denkmalpflegerischen Auftrags überall ähnlich, und die vom Bund formulierten «Leitsätze zur Denkmalpflege in der Schweiz» werden von allen Fach­stellen im Land angewendet. «Letztlich sind es aber unterschiedliche Gesetzgebungen, regional unterschiedliche Gebäudebestände und völlig verschiedene Rahmenbedingungen, die in den Details zu Unterschieden führen können», weiss Beat Eberschweiler.

Die denkmalpflegerischen Herausforderungen sind in Basel eben anders gelagert als im Engadin. Auch die Abstufungen sind von Kanton zu Kanton unterschiedlich. Der Kanton Bern unterscheidet zum Beispiel zwischen erhaltens- und schützenswert, der Kanton Zürich zwischen Bauten von kommunaler oder überkommunaler Bedeutung. Bei ersteren sind die Gemeinden Ansprechpartner, bei letzteren die Kantonale Denkmalpflege.

Denkmalschutz verhindert Nachhaltigkeit nicht

Geschützte Bauten erfüllen die energe­tischen Standards von heute in den ­allermeisten Fällen nicht. Und werden sie saniert, können diese Standards meist nicht einfach telquel angewendet werden. Ist es angesichts der aktuellen Nachhaltigkeitsdebatten und der hoch gesteckten Ziele der Energiestrategie 2050 aber ­sinnvoll, die energetische Sanierung von  geschützten Gebäuden einzuschränken?

«Erst einmal ist es wichtig zu sagen, dass solche Sanierungen bei geschützten Gebäuden nicht kategorisch ausgeschlossen sind», sagt Eberschweiler. «In den allermeisten Fällen geht es nicht ums Ob, ­sondern ums Wie.» Wichtig sei, die Denkmalpflege so früh wie möglich in ein Sanierungsprojekt mit einzubeziehen. Denn jedes geschützte Gebäude wird als Einzelfall betrachtet.

Als einen grundlegenden ­Leitfaden haben die Denkmalpflege-­Fachstellen der Kantone Bern und Zürich ein vierteiliges Handbuch entwickelt. Dieses ist in die vier Schwerpunkte ­«Gebäudehülle», «Fenster und Türen», «Haustechnik» und «Solarenergie» aufgeteilt und vermittelt Grundlagenwissen sowie erste bautechnische Lösungsansätze. In jedem Fall erfordert der gemeinsame Prozess mit den Eigentümerschaften ein sorgsames Abwägen zwischen den Interessen der Liegenschaftsbesitzer und -nutzer und dem öffentlichen Auftrag, das architektonische Erbe für die nachkommenden Generationen zu überliefern.

Früh und transparent kommunizieren

«Gott schütze mich ...» Würde denn ein Bauprofi diesen Wunsch unterschreiben? «Nicht ohne Weiteres», sagt Claudio Fuchs, Bauingenieur und Mitglied der Geschäftsleitung des auf bauphysikalische und ­energetische Fragen spezialisierten Büros Herrmann Partner in Andelfingen. «Es kommt darauf an, welcher Kanton und welche Person für das Projekt in Sachen Denkmalschutz zuständig ist.»

Für den Profi ist der Blick ins jeweilige Inventar meist einer der ersten Schritte bei einem Sanierungsprojekt. Auch er unterstreicht, wie wichtig es in jedem Fall ist, bei geschützten Objekten die Denkmalpflege so früh wie möglich beizuziehen. «Die grössten Probleme entstehen immer dann, wenn man zu spät kommt oder seine ­Anliegen und geplanten Massnahmen nicht transparent kommuniziert.»

Der Energiespezialist agiert dabei im Dreieck zwischen Bauherrschaft, Baubehörden und Denkmalpflege – ein Szenario, das nicht immer einfach zu verwalten ist. «Ein konkretes Beispiel: Besteht eine Bauherrschaft nicht auf einer PV-Anlage, ist es zwar bezüglich des Denkmalschutzes einfacher. Die von den Behörden verlangte energetische Bilanzierung und Nachweisführung des Gebäudes kann dann aber komplizierter werden, da es schwieriger wird, einen Anteil an erneuerbaren Energien auszuweisen. Unsere Aufgabe ist es, eine für alle Seiten vertretbare Lösung zu finden.»

Normen sind verhandelbar

Zuweilen zieht eine solche Lösung auch Normabweichungen nach sich. «Gerade wenn es um hocheffiziente Dämmungen geht, muss man bei Altbauten Vorsicht walten lassen», so Fuchs. Allzu perfekte Dämmungen mögen zwar die gesetzlichen Richtwerte erfüllen, können aber zu Bauschäden führen. «Wenn man dies sachlich erklärt, werden auch Dämmmassnahmen bewilligt, welche die Normen vielleicht nicht ganz erfüllen, dafür jedoch das ­Gebäude als Ganzes langfristig bauschadenfrei halten.»

So geschehen bei der energetischen Sanierung eines schützenswerten Riegelhauses in Andelfingen im Zürcher Weinland. Fuchs: «Die Südfassade besteht aus einer fast 70 Zentimeter dicken ­Bruchsteinwand mit hoher Fähigkeit zur Energiespeicherung. In Absprache mit den Behörden entschlossen wir uns, die Fas­sade im Rahmen der Sanierung überhaupt nicht zu dämmen.»

Die gesetzlichen Dämmwerte würden auf diese Fassade bezogen natürlich nicht erreicht. In der Gesamtkonstellation – das zeigen die Messwerte nach zwei Jahren – funktioniert diese Low-Tech-Lösung jedoch dank der Südausrichtung der Fassade einwandfrei. «Und bezüglich des schützenswerten Charakters des Gebäudes war es ebenfalls einfacher, weil es ja keinen Eingriff gab.»

Heikle Kernzone

Das beschriebene Projekt liegt in der ­Kernzone Andelfingens – jenem Gebiet, das gemäss Bau- und Zonenplan schutzwürdige Ortsbilder umfasst, die in ihrer Eigenart erhalten oder erweitert werden sollen. «Sanierungen in der Kernzone sind erfahrungsgemäss heikel», weiss Claudio Fuchs. Denn die in der Kernzone geltenden Einschränkungen sind oft zahlreich und ­weitreichend. «Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach, die bei Neubauten ja schon fast zum Standard gehören sollten, sind zum Beispiel eher schwer machbar.»

Doch die Betonung liegt auf eher. Der Bauingenieur verweist auf ein fünfstöckiges Mehrfamilienhaus in einer Ortsbild-Schutzzone in ­Luzern. In enger Zusammenarbeit mit den zu­ständigen Behörden sei dort auf einer 200 ­Quadratmeter grossen Dachfläche mithilfe von Spezial- und Blindmodulen eine PV-­Anlage entstanden, die nicht nur den denkmalschützerischen Ansprüchen genügte, sondern auch das Gebäude mit einem veritablen Anteil an Strom versorgte.

Fluch und Segen des Fortschritts

Architekten, Planer und Ingenieure profitieren bei ihrer Arbeit heute natürlich von den rasanten technischen Entwicklungen im Bau- und Energiebereich. Eine PV-Anlage muss zum Beispiel nicht mehr notwendigerweise aus weithin sichtbaren blauen ­Kacheln bestehen, sondern kann je nach Umgebung fast jede Farbe haben – dank Folien, die den Wirkungsgrad der Anlage nur unwesentlich reduzieren.

Claudio Fuchs bestätigt, dass die Möglichkeiten heutzutage theoretisch fast grenzenlos sind. «In der Praxis ist es aber so, dass diese enorme Auswahl unsere Arbeit ­erschwert – denn es ergeben sich dadurch auch schier unendliche Kombinations­möglichkeiten, deren Sinnhaftigkeit für jedes Projekt neu abgewogen und erklärt werden muss.»

Die Frage lautet: Wird die perfekte Lösung bewilligt, und ist die Bauherrschaft bereit, diese zu bezahlen? Die rasanten technischen Entwicklungen sind auch auf einer anderen Ebene nicht nur ein Segen. «Man muss leider sagen, dass Objekt- und Denkmalpfleger nicht überall diese Entwicklungen mitgehen und in ihre Arbeit integrieren», sagt Fuchs. «Andererseits gibt es aber auch Architekten, die diese Behörden-Haltung allzu gern annehmen, weil sie sich so weniger um Haustechnik und aufwendige Sanierungslösungen kümmern müssen.»

Irgendwie geht es immer

Im Idealfall – und auch im Normalfall – ­zeigen sich die Beteiligten jedoch ­kompromissbereit und helfen dadurch mit, geschützte Bauten nicht nur zu ­erhalten, sondern auch für die nachhaltige Zukunft auszurüsten und nutzbar zu ­machen. «In einer denkmalgeschützten Spinnerei im Zürcher Aathal entsteht derzeit im Dachgeschoss eine Lungenfunktions­klinik», nennt Fuchs ein weiteres Beispiel.

Diese kann jedoch nicht bei sommerlichen Temperaturen von 35 Grad und mehr ­funktionieren. Fuchs: «Wir wiesen deshalb schon früh darauf hin, dass das Gebäude gekühlt werden muss – an sich schon ein heikles energetisches Thema.» Einerseits hätte dies einen aussen liegenden Sonnenschutz für sämtliche Fenster verlangt; andererseits hätten laut Denk­malpflege an der Gebäudehülle keine Veränderungen vorgenommen werden dürfen.

«Wir ­fanden einen Kompromiss, bei dem wir die grossen Dachfenster ­nachrüsten ­durften. Bei den restlichen rund 20 Prozent der Dachfensterflächen kommen Sonnenschutzfolien zum Einsatz.» Der Grat ­zwischen Nachhaltigkeit, Funktionalität und Denkmalschutz mag zuweilen schmal sein. Gangbare Lösungen finden sich aber meist auch ohne Gottes ­Beistand.

Erschienen in: Haustech 4-2020