Markus Weber, Präsident Bauen Digital Schweiz und Co-Studiengangleiter Digital Construction an der Hochschule Luzern: «Durch die Digitalisierung bekommt die Baustellenlogistik einen grossen Stellenwert. Das Fertigen von Bauteilen und ganzen Baugruppen wird sich von der Baustelle in die Werkstatt verlagern.» (Bild: zVg)

Swissbau Innovation Lab: «Wir wollen junge Wilde und Dinosaurier zusammenbringen…»

Bereits zum dritten Mal macht die Sonderschau Swissbau Innovation Lab auf die digitale Transformation der Bau- und Immobilienwirtschaft aufmerksam – dieses Mal mit einem Film, der das Arbeiten innerhalb kreativer Workshops «Out of the Box» zeigt – zu sehen in einer immersiven 270°-Kinovorführung. Über die Ziele dieses ungewöhnlichen Projekts sprachen wir mit Markus Weber, Präsident Bauen Digital Schweiz und Co-Studiengangleiter Digital Construction an der Hochschule Luzern.

Herr Weber. Sie betreuen und beobachten den Wettbewerb der sieben interdisziplinären Teams, die an Workshops an neuen Lösungsansätzen für das Hochleistungsgebäude der Zukunft arbeiten. Das weckt Erwartungen. Was bekommen Besucher am Swissbau Innovation Lab zu sehen?
Markus Weber: Das Endprodukt ist ein Film, der im iRoom des SB Innovation Lab zu sehen sein wird. Der Film zeigt die Entstehungsgeschichte, wie die Teams sich bildeten, wie sie in verschiedenen Etappen zusammengearbeitet haben, einen Lösungsweg skizzierten und welche Lösungsansätze entstanden sind.
Der Film als Zeitraffer beabsichtigt, die Bau- und Immobilienfachleute zu inspirieren. Aber im Hintergrund passierte bereits viel mehr. Für die Teambildung mussten sich Mitbewerber und ergänzende Akteure entlang der ganzen Wertschöpfungskette in diesem interaktiven Forschungsprojekt zusammenfinden. Man kann sich das Ganze wie ein Labor vorstellen, wo viele Akteure abseits des Tagesgeschäfts miteinander Zeit und Raum finden, um über die Lösungen der Zukunft zu diskutieren und zu erarbeiten.

Swissbau Innovation Lab versteht sich als interdisziplinäres Netzwerk, das alle Akteure der Bau- und Immobilienwirtschaft erreichen will. Gelingt das wirklich, indem man im digitalen Raum Kreativ-Workshops veranstaltet?
Es sind diejenigen dabei, welche die Digitalisierung als Chance anschauen und bereit sind, etwas zu investieren für die Gesamtheit der Branche. Es entsteht ein neues lernendes Miteinander, auch wenn jeder natürlich seine eigenen Schlüsse daraus zieht und seine eigenen Erfahrungen macht.
Die Bauwirtschaft pflegte bis anhin einen sequentiellen Prozess aufeinanderfolgender Etappen: Architekt und Fachplaner planen, der Bauunternehmer führt aus und schliesslich betreibt jemand das Gebäude. Das sind getrennte Tätigkeiten. Aber mit der Digitalisierung ist es möglich, diese Wertschöpfungs-Etappen miteinander zu verknüpfen – über Informationen, die zur Verfügung stehen.
Wenn der Architekt die Chance erhält, mit jemandem zusammen zu sitzen, der im Facility Management tätig ist, dann verändert das die Sichtweise: Welche Bedürfnisse haben Fachleute, die im Unterhalt eines Gebäudes tätig sind? Wenn ich als Planender Verständnis dafür gewinne, kann diese Erkenntnis einfacher in die Planungsphase einfliessen.

Verstehe ich das richtig? Zu zeigen, wie eine neue Kollaboration zwischen den Akteuren am Bau aussehen könnte, ist mindestens so wichtig oder noch wichtiger als die virtuellen Entwürfe, die im Film präsentiert werden?
Richtig. Wir wolle eine neue Kultur der Zusammenarbeit erproben; ein neues Mindset, eine neue Denkweise ist gefragt. Denn wir neigen dazu, die Digitalisierung als Aufgabe mit einer retrospektiven Sicht anzupacken. Man vertraut auf bestimmte Rahmenbedingungen wie eingespielte Prozesse, wie sie in den SIA-Phasen beschrieben sind. Aber wir gehen davon aus, dass sich solche Rahmenbedingungen auch ändern werden. Mit den Arbeitsgruppen hatten die Teilnehmenden die Gelegenheit, «out of the Box» an ihrem Projekt zu arbeiten.

Bei den Fokusgruppen sind viele «junge Wilde», die ihre eigenen Geschäftsmodelle innerhalb der Digitalisierung der Bauwirtschaft verfolgen. (z.B. Virtuelle Begehbarkeit geplanter Immobilien für Kunden). Ohne dass andere Partner Beiträge in einem kollaborativen Ansatz eines digitalen Bauwerkmodells liefern, funktioniert das aber nicht.
Momentan entstehen ganz viele Start-Ups in Nischen, die ihr neues Businessmodell kreieren, davon werden auch einige wieder eingehen. Die Jungen Wilden kennen sich gut aus in ihren spezifischen IT-Kompetenzen, etwa in der Virtual Reality. Aber am Schluss muss ein gutes Endprodukt entstehen, das allen nützt. Wir müssen sie mit den «Dinosauriern», also den Etablierten der Baubranche, zusammenbringen, damit gute Endprodukte entstehen, die allen nützen. Mit der Swissbau Innovation Lab beabsichtigen wir genau dies.

Inwiefern haben Veränderungen der Zusammenarbeit und Rationalisierungen, die sich aus der digitalen Bauwerkmodellierung ergeben, einen Einfluss auf Akteure der Gebäudetechnik?
Einen grossen Einfluss. Im Gegensatz zu einem kreativen und individuellen Architekturentwurf, der auch eine geistige Arbeit repräsentiert, ist das Planen gebäudetechnischer Anlagen viel stärker an Regeln gebunden. Alles, was Regeln folgt, kann ich auch mathematisch abbilden, digitalisieren und automatisieren.
Nehmen wir als einfaches Beispiel das Planen einer Brandmeldeanlage: Bislang war der Elektroplaner beauftragt, eine solche Anlage mit konventionellen Mitteln zu planen. Er kalkuliert  ̶  bei einem grösseren Gebäude  ̶  beispielsweise 100 Stunden Arbeitsaufwand. Die Platzierung solcher Brandmeldeanlagen ist aber über Gesetz und Norm klar reglementiert: Wie viele es pro Raum braucht, wie viele m2 diese abdecken müssen. Eine Software kann diese Vorschriften integrieren und deshalb wird es in Zukunft möglich sein, per Knopfdruck die Brandmeldeanlagen an den richtigen Orten zu platzieren.

Keine frohe Botschaft für derjenige, der sich aufs Planen solcher Anlagen spezialisiert hat.
Das ist so. Aber Veränderungen bieten immer Chancen und Risiken. Der Planende muss sich auf Trends einstellen und sich damit auseinandersetzen, sonst bricht ihm das Geschäftsmodell weg. Mit dem Swissbau Innovation Lab wollen wir auch zeigen: Wo finden Veränderungen statt und wie muss ich mich vorbereiten, wenn sich Wertschöpfungs-Schritte verlagern und digitalisieren?

Kommen wir nochmals auf die Lösungsansätze zu sprechen, welche in den Arbeitsgruppen kreiert werden. Mit welchen konkreten Tools können nun Beteiligte auf die Planung eines Baus einwirken, wie das vorher nicht möglich war?
Mit der allgemeinen Digitalisierung werden zahlreiche Informationen auch aus Quellen wie dem Geoinformationssystem (GIS) strukturiert und maschinenlesbar zur Verfügung gestellt.
Neue massgeschneiderte IT-Applikationen kombinieren solche Datensätze mit Informationen aus dem Bauprojekt. Eine Arbeitsgruppe entwickelt daraus einen Bauherren-Konfigurator. Mit diesem Tool haben Bauherren die Möglichkeit, in einer sehr frühen Phase mitzugestalten, aber auch sofort einzuschätzen, welche Konsequenzen sich aus Anpassungen am Bauprogramm ergeben. Zum Beispiel: Was sind die Investitions- und Betriebskosten, wenn ich zwei Mehrfamilienhäuser zum einem ZEV (Zusammenschluss zum Eigenverbrauch) zusammenfasse und eine gemeinsame Photovoltaikanlagen, Batteriespeicher und Eigenverbrauchsoptimierung installiere? In einer sehr frühen Phase schafft ein solches Tool mehr Transparenz gegenüber der Bauherrschaft, damit gute und faktenbasierte Entscheide gefällt werden.
 
Eine Arbeitsgruppe hat sich mit der Baustellenlogistik befasst.
Baustellenlogistik ist ein Riesenthema, weil wir durch die Digitalisierung in der Lage sein werden, die Fertigung von Bauteilen und ganzen Baugruppen von der Baustelle in die Werkstatt zu verlagern. Auch das «verdichtete Bauen» ist ein Treiber. Beim Roche-Turm (Bau 1) fand man schlicht keinen Platz, irgendwelche Materialien zu lagern oder Werkstätten einzurichten, um beispielsweise Lüftungskanäle zuzuschneiden.
Mit einem BIM-Modell als verlässlicher Referenzrahmen schaffen wir die Grundlagen, damit ausführende Unternehmen die verlässlichen Daten herausziehen, um so Bauteile wie Sanitärleitungen, Lüftungskanäle oder vorkonfektionierte Kabel ausserhalb der Baustelle zu produzieren und dann «Just-in-time» ins Bauwerk einzubauen.
Wir vollziehen eine Transformation nach, welche in zum Beispiel in der Automobilindustrie schon vor Jahrzehnten begonnen hat. Deren Kernkompetenz verlagerte sich vom Auto bauen zum Managen von komplexen Zulieferketten.

Erfahrungen aus dem Swiss Innovation Lab werden in die Forschung und Lehre der Hochschulen zurückfliessen?
Die drei Fachhochschulen HSLU, FHNW und BFH sind als Partner vom Swissbau Innovation Lab ganz vorne dabei. Die Erkenntnisse fliessen zurück in die Bachelor- und Masterstudiengänge sowie die Weiterbildungsangebote.
Kommt hinzu, dass wir von «Bauen Digital Schweiz» die Ergebnisse aus den Workshops analysieren werden. Der erste 2018 von uns entworfene «Stufenplan Schweiz», welche die Reifegrade der modellbasierten Planung und Kollaboration beschreibt, wird gründlich überarbeitet und konkretisiert. Auf welchen Stufen der Bauwirtschaft bewegt sich die Schweizer Bauwirtschaft nach vorne? Das muss koordiniert vonstattengehen. Es nützt nichts, wenn ein Generalplaner vorauseilt und ein hochkomplexes Bauwerksmodell anfertigt, aber andere Partner, etwa ausführende Unternehmen oder Behörden, welche den Bewilligungsprozess durchführen müssen, nicht befähigt sind, damit arbeiten zu können.

Swissbau Innovation Lab lädt ins 3D-Kino ein