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Reto Bättig, Geschäftsführer Geberit Vertriebs AG (Foto: zVg)

Interview mit Reto Bättig, Geberit

«Wir sind bisher mit einem blauen Auge davongekommen»

Reto Bättig ist seit gut eineinhalb Jahren als neuer Geschäftsführer der Geberit Vertriebs AG tätig. Er schildert im Interview, wie sein Unternehmen die momentane schwierige Situation angeht, reflektiert seine Einschätzung des bisher Erreichten und gibt Auskunft über neuste Innovationen vom Marktleader.

Reto Bättig, wie haben Sie Ihr erstes Jahr als Head von Geberit Schweiz erlebt?

Ich kann sagen, dass ich dank unserer stabilen Situation einen guten Start in meiner neuen Position hatte. Es war ein gutes, super spannendes und sehr intensives Jahr für mich. Ich durfte sehr viele Leute kennenlernen – zum Beispiel die Verantwortlichen im Handel. Aber das Wichtigste ist: Ich fühle mich sehr wohl in der Geberit, und die Arbeit im Team macht Spass. Dabei helfen unsere starke Kultur und die Kontinuität. Dies widerspiegelt sich jetzt auch in der Coronakrise, gestärkt durch unser professionelles Team kommen wir trotzdem gut vorwärts.

Überhaupt ist Teamwork für mich sehr wichtig; meine Aufgabe ist es, Bedingungen zu schaffen, damit alle unsere Mitarbeiter im Aussen- wie im Innendienst optimal arbeiten können. Ich versuche nahe bei unseren Mitarbeitenden zu sein und schaue dafür, dass es ihnen gut geht. Unsere Grundwerte wie Vertrauen, Bescheidenheit und Bodenständigkeit helfen uns auch in schwierigen Zeiten, das ist gerade auch in der Corona-Zeit eminent wichtig. Wir hatten als gesundes Unternehmen im Frühling ganz bewusst keine Kurzarbeit eingeführt, dafür waren unsere Mitarbeiter im Aussendienst bereit, 5 Ferientage zu beziehen und haben dafür einen zusätzlichen Ferientag geschenkt bekommen. Wie diesen Vorschlag alle Mitarbeiter mitgetragen haben, das hat Freude gemacht. Wir leben bei uns in der Geberit die gute Kultur weiter, die mein Vorgänger Hanspeter Tinner geprägt hat.

Was stand dabei im Vordergrund?

Zuerst muss man ja immer in eine neue Rolle hineinwachsen. Das fiel mir leicht, da ich ja schon länger bei Geberit mit dabei bin. Meine Übernahme im April 2019 fiel zeitlich genau auf den Markenwechsel von Keramag zu Geberit. So ist es nicht verwunderlich, dass in meiner bisherigen Zeit unter anderem unser «vor-der-Wand»-Geschäft im Fokus stand. Mit dem Leitsatz «Alles aus einer Hand» haben wir als erste integrierte Lösung Geberit One lanciert. Damit verbinden wir unser Know-how «hinter-der-Wand» mit attraktiven und funktionell vorteilhaften Lösungen «vor-der-Wand». Dabei stehen die Kundenbedürfnisse wie Reinigungsfreundlichkeit, mehr Platz und Komfort aber auch die einfache Planung und Montage im Vordergrund. Wir wollen hier echte Vorteile bieten, das ist uns sehr wichtig. Zudem konnten wir mit der erfolgreichen Einführung des neuen AquaClean Sela einen grossen Schritt vorwärts machen. Unser komplettes Dusch-WC Sortiment wurde dadurch weiter aufgewertet.

Sind Sie zufrieden mit der Entwicklung und was wurde erreicht?

Ich bin zufrieden mit der Entwicklung bei uns. Einerseits konnten wir die Kontinuität intern beibehalten, zum andern hatten wir ein erfreuliches 2019 und sind auch 2020 trotz Corona gut unterwegs. Unsere Neuheiten wie One oder das neue AquaClean Sela wurden sehr gut aufgenommen, zum Beispiel mit enorm positivem Feedback an der Swissbau anfangs Jahr.

Wo müssen Ihrer Meinung nach noch Verbesserungen her?

Man kann sich immer verbessern – wichtig ist, nah dran sein, zuzuhören und die Bedürfnisse der Kunden zu erkennen. Als gutes Beispiel nenne ich den Föhn beim Dusch-WC Mera: einige unserer Kunden waren nicht zufrieden mit der Leistung des Föhns. Wir haben uns der Thematik angenommen und mit unseren Entwicklern nach Möglichkeiten gesucht, wie wir die Leistung des Föhns verstärken könnten. Es ging also nicht darum, ein Problem zu lösen, der Föhn funktioniert einwandfrei, sondern wie wir einem Bedürfnis mancher unserer Kunden gerecht werden können. Erfreulicherweise konnte eine deutliche Verbesserung erzielt und diese wird seit dem Sommer in allen neuen Geräten standardmässig eingebaut.

Dass uns dies nicht immer bzw. nicht immer ganz schnell gelingt, ist auch damit zu erklären, dass wir aus dem Markt Schweiz nicht die einzigen sind, die mit Wünschen an unsere Produktentwickler in Rapperswil-Jona herantreten. Da braucht es manchmal schon etwas Zeit, Geduld und Ausdauer, bis unsere Wünsche auch umgesetzt sind.

Für Sie ist nachhaltiges Agieren im Business wichtig, wie manifestiert sich das bei Ihrem Wirken?

Ich möchte dabei zwischen Nachhaltigkeit in der Produktion und unseren Produkten auf der einen Seite und einem nachhaltigen Agieren in unserer Tätigkeit im Vertrieb unterscheiden. Als schönes Beispiel sind die vielen Keramikwerke europaweit zu nennen, die seit der Akquisition der Sanitec vor fünf Jahren Teil der Geberit Gruppe sind. In der Zwischenzeit wurde und wird weiterhin sehr viel in diese Werke investiert, um sie für die Zukunft fit zu machen. Dabei wurde u.a. auch der Energieverbrauch dank 11 neue Brennöfen in sieben Keramikwerken um 20% pro Anlage reduziert. Dies entspricht jährlich 6,5 t CO2, der Energiemenge von 1500 Vier-Personenhaushalten.

Auf der vertrieblichen Seite ist ein nachhaltiges Agieren ebenso wichtig. Geberit ist bekannt für Innovationen und Produkte mit Mehrwert und für enge, nachhaltige Beziehungen mit all unseren Kunden im dreistufigen Vertrieb, vom Händler über den Installateur und Planer bis zum Endkunden. Schnellschüsse, wie z.B. kurzfristigen Aktionen, sollen dabei nur in Ausnahmefällen angewendet werden. Denn Geberit will mit Innovationen Vorteile bieten, unsere Produkte und Dienstleistungen sollen den Kunden echten Nutzen bringen.

Die Welt steht aber nicht still, und deshalb heisst nachhaltiges Agieren auch, dass man Entwicklungen antizipiert und neue sich bietende Chancen nutzt. Lange Zeit schien unsere Branche viel weniger als andere Branchen von der Digitalisierung betroffen. Mittlerweile ist die Digitalisierung, nicht erst seit Corona, aber auch in unserer Branche angekommen.

Die grösste Veränderung mit der fortschreitenden Digitalisierung sehen wir in den veränderten Bedürfnissen von uns allen im Alltag. «Convenience» ist das Wort der Stunde, auch wenn es darum geht ein neues Badezimmer zu gestalten, planen und bauen. So wünschen sich viele Kunden möglichst sorgenlose «Alles-aus-einer-Hand-Lösungen», auch bei allen Fragen rund ums Bad. Wir von Geberit, als Hersteller, der sich konsequent an den dreistufigen Vertriebsweg hält, wollen uns dem Bedürfnis stellen und streben deshalb an, noch enger mit dem Handel und dem Handwerk zusammenzuarbeiten, um gemeinsam diesem Bedürfnis zu entsprechen, damit nicht auch hier der Zeitgeist mit Amazon & Co. einzieht.

Unter anderem müssen dazu unsere bestehenden und zukünftigen Produkte erstklassig sein, und es muss immer gewährleistet sein, dass Handwerker wie Planer damit umgehen können. Wir werden alles daransetzen, damit das so bleibt. Unsere Nähe zum Kunden erweist sich hier als Riesenvorteil. Unsere Leute an der Verkaufsfront sind da ganz nah am Marktgeschehen dran – so erkennt man die Bedürfnisse am besten.

Was ist in der nächsten Zeit bezüglich Digitalisierung der Branche - Stichworte: BIM, Industrie 4.0 und Internet of Things IoT - von Geberit zu erwarten?

Wir sehen, wie oben bereits erwähnt, als Haupteinflussfaktor der Digitalisierung auf unsere Branche die veränderten Bedürfnisse der Menschen, welche Chancen und Gefahren für unsere Branche bieten. Wir versuchen uns darauf einzustellen und gemeinsam mit unseren Vertriebspartnern Lösungen für die wichtigsten Fragen zu entwickeln. Denn wie erwähnt, erwarten dies unsere Kunden auch von unserer Branche. BIM ist dabei ein gutes Beispiel. Wir sind daran, enorm viel in die Aufbereitung unserer Produktdaten zu investieren, damit unsere Produkte mit BIM verplant werden können. Allerdings muss BIM dann auch echte Bedürfnisse befriedigen und nicht bloss eine Spielerei sein. Aktuell scheint es noch eher zweiteres zu sein und es ist noch nicht klar, wie viele der Chancen mit BIM unsere Branche wirklich packen wird.

Was gibt es in der Sparte Dusch-WC, die nicht so richtig vorwärtszukommen scheint, Neues zu berichten? Wie entwickeln sich die Zahlen am heimischen Markt? Gibt es neue Marktstimulierungsstrategien?

Obwohl wir 2020 ein erfreuliches Wachstum unserer Absatzzahlen beobachten dürfen, überrascht der Eindruck nicht, dass die Dusch-WC Kategorie «nicht so richtig vorwärtskommt». Wir beobachten seit längerem ein «Mentalitätsproblem», das der Realisierung des riesigen Potentials von Dusch-WCs im Wege steht. Leider steckt noch immer die Meinung in den Köpfen von vielen bei uns intern wie auch bei unseren Vertriebspartnern im Handel und auch im Handwerk, dass Dusch-WCs vor allem eine Lösung für das Luxus-Segment und für eher ältere Menschen seien. Und ja, es stimmt, in diesen Segmenten sind Dusch-WCs heute weit verbreitet beziehungsweise schon fast Standard.

Doch obwohl Dusch-WCs heute überall einsetzbar und preislich für «Jede und Jeden» erschwinglich sind, ist dies in den Köpfen unserer Branche noch nicht angekommen. Es ist also unsere Aufgabe, zusammen mit unseren Vertriebspartnern die klaren Vorteile der Reinigung mit Wasser, die jeder schätzt, der schon ein Dusch-WC benützt, noch deutlicher zu machen.  Im Fokus bleibt da für den Moment das Eigenheim, wo wir anstreben, das Dusch-WC im Neu- und Umbau zum Standard zu machen. Schliesslich geht es um den Siegeszug des Dusch-WCs – das wollen wir gemeinsam mit den Vertriebspartnern im Handel und im Handwerk erreichen.

Und genau deshalb warten wir in diesem Bereich mit einer interessanten Innovation auf: Wir haben ein AquaClean-Testset entwickelt, das wir aktuell im Markt testen. Ähnlich wie bei Zalando bekommen Interessierte ein Paket nach Hause, können das Gerät ganz simpel und einfach selber anschliessen und nachfolgend für rund 2 Wochen in den eigenen vier Wänden die Reinigung mit Wasser mit dem Set kennen und schätzen lernen. Wir gehen davon aus, dass die Empfänger vom Nutzen so überzeugt sind, dass sie es nicht mehr werden missen wollen und sich nachfolgend ein Dusch-WC einbauen lassen. Ziel ist es, dass zukünftig wenigstens ein Dusch-WC in jeder Wohneinheit zum Standard wird. Schliesslich sind Dusch-WCs ab einem unverbindlichen Richtpreis von rund 1600 Franken heute keine Kostenfrage mehr. Und jeder Kunde, den wir für ein Dusch-WC gewinnen können, ist uns nach wenigen Wochen dankbar dafür und wird es nie mehr hergeben wollen.

Wie haben Sie die aktuelle Krise erlebt, wie hat das Ihr unternehmerisches Umfeld beeinflusst? Wie sehen Sie die nächste Zukunft?

Corona war und ist immer noch auch für uns sehr einschneidend. Auch wir waren gänzlich unvorbereitet darauf, wir sind jedoch bisher mit einem blauen Auge davongekommen. Wie erwähnt, wurde bei uns intern ganz bewusst keine Kurzarbeit eingeführt, zudem hat es uns geholfen, dass die meisten Mitarbeiter schon vor Corona im Umgang mit der Technik (z.B. Videokonferenzen) geübt waren. Im Vergleich zum benachbarten Ausland war während des ersten Lockdowns entscheidend, dass die grosse Mehrheit der Baustellen in der Schweiz offenblieb. Die Unsicherheit ist zwar da und bleibt auch weiterhin hoch. Entscheidend ist nun aber, dass wir gelernt haben mit dem Virus umzugehen, und somit einschneidende Massnahmen wie im Frühling verhindert werden können. Wenn uns dies gelingt, bleiben wir im Ausblick recht positiv für die nahe Zukunft.

Wird Geberit weiterhin an Messeterminen festhalten oder gibt es da Änderungen wie bei anderen Unternehmen?

Unser Unternehmen nimmt bekanntlich regelmässig an Endkunden- und Baumessen teil, die leider dieses Jahr nicht stattfinden können. Wie es hier 2021 weitergeht, ist aktuell noch völlig ungewiss. Dasselbe gilt übrigens auch für die ISH 2021, über die Teilnahme von Geberit in Frankfurt werden unsere Kollegen in Deutschland entscheiden.

Was ist in der nächsten Zeit von Geberit an neuen technischen Entwicklungen zu erwarten? Gibt es schon einige Geheimnisse zu lüften?

Wie bereits erwähnt ist ein Highlight das neue AquaClean-Testset, das wir bereits im Markt pilotieren. Wie üblich wird es 2021 noch weitere spannende Innovationen geben, über die ich im Moment noch nichts verraten möchte. Vorgesehen ist, dass wir wie jedes Jahr ab Januar breit informieren und unsere Neuigkeiten 2021 vorstellen.

www.geberit.ch