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Daniele Ganser (Bild: Markus Lamprecht)

Syrien ist ein Pipeline-Krieg. Man möchte Pipelines von Iran durch Syrien ziehen oder alternativ von Katar durch Syrien. Assad hat Katar 2009 jedoch ein Veto erteilt.

Interview

«Wir müssen die fossilen Energieträger verlassen»

Historiker und Energieexperte Daniele Ganser (43), über den Erdölpreis, Rohstoffkriege, Terror, Flüchtlinge und seine Erfahrung, auf Öl, Gas und Atomstrom zu verzichten.

Herr Ganser, Sie sind Vater zweier kleiner Kinder. Angesichts der Weltlage - Klimawandel, Kriege, Flüchtlinge - mache ich mir Sorgen um deren Zukunft. Was muss sich ändern?

Daniele Ganser: Die Energiefrage spielt eine wesentliche Rolle. Unsere Kinder haben eine durchschnittliche Lebenserwartung von 80 Jahren. Das bedeutet, dass wir uns über das ganze 21. Jahrhundert Gedanken machen müssen. Wir brauchen ein Energiesystem, das bis ins Jahr 2100 stabil ist und gleichzeitig ohne Ressourcenkriege und Umweltzerstörung auskommt. Das ist die Grundüberlegung meiner Forschung.

Zu welchem Ergebnis sind Sie gekommen?

Die vier nicht erneuerbaren Energieträger Öl, Gas, Kohle und Atom sind nicht geeignet, um das System zu stabilisieren. Im Gegenteil: Klimawandel, Ressourcenkriege, Knappheit werden sich immer mehr akzentuieren. Daher bin ich ein Vertreter der Vision 100 Prozent erneuerbare Energie.

Öl ist nicht knapp. Der Markt wird gerade damit überschwemmt und es soll noch 800, vielleicht sogar 1000 Milliarden Fass Erdöl im Boden haben. Etwa so viel, wie wir in 150 Jahren gefördert haben.

Die Frage, wie viel Erdöl es noch hat und ob es knapp wird, ist umstritten. Was wir aber sicher wissen, ist, dass wir enorm viel Erdöl verbrauchen. Ein Fass hat 159 Liter. Von diesen Fässern brauchen wir jeden Tag 90 Millionen! Wenn man bedenkt, dass es 1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, nur 6 Millionen Fass waren, wird klar, dass wir in einem Erdölrausch leben. Wir kennen gar nichts anderes als billiges Erdöl. Und wir gehen verschwenderisch damit um.

Unsere Gesellschaft funktioniert nicht ohne Erdöl.

In der Tat. Autos, Lastwagen, Traktoren, Schiffe, Flugzeuge treiben wir mit Benzin, Diesel und Kerosin an, Häuser heizen wir mit Erdöl oder Erdgas, all die Plastikprodukte und viele Chemikalien basieren auf Erdöl. Wir können nicht sagen: "So, das nächste Jahr verzichten wir probehalber auf Erdöl - mal schauen, wie es so läuft." Es läuft dann nämlich überhaupt nicht. Wir haben noch keinen Plan B, wie wir ohne Erdöl auskommen.

In Ihrer Forschung beschäftigen Sie sich mit dem sogenannten "Peak Oil", dem Fördermaximum. Was ist daran so wichtig?

Das Peak-Oil-Phänomen besagt, dass die Förderung aus jedem Erdölfeld eine Glockenkurve bildet. Es liefert zunächst unter grossem Druck immer mehr Erdöl, erreicht dann seinen Peak, worauf Druck und Förderung sinken. Jedes Erdölfeld ist endlich. Das ist keine Angstmacherei, das ist die Natur. Lange hat man sich mit der Frage beschäftigt, was am Tag X passiert, wenn es kein Erdöl mehr gibt. Dann, so glaubte man, fangen die Probleme an. Das ist eine völlig falsche Analyse. Die Probleme fangen an, wenn das Angebot stagniert oder fällt, wenn also der Peak Oil erreicht ist. Dann hat es zwar noch 50 oder auch 60 Jahre lang Erdöl, aber in einem fallenden Angebot. Das bedeutet, dass die Verteilkämpfe zunehmen.

Und wann ist das globale Erdölfördermaximum erreicht?

Das ist umstritten. Sicher ist, dass im Moment, wo das Fördermaximum erreicht wird, der Erdölpreis steigt. Dann wird auch das sogenannt unkonventionelle Erdöl interessant, das man aus der Tiefsee, aus Schiefersand, aus der Arktis oder mittels Fracking gewinnt. Ab einem gewissen Moment braucht man aber sehr viel Energie, um dieses unkonventionelle Öl überhaupt zu fördern. Dann kommen die schwierigen Zeiten, wenn wir uns nicht darauf vorbereiten. Sie haben nach meinen Kindern gefragt. Ich möchte natürlich nicht, dass meine Kinder völlig unvorbereitet in eine Kombination von Rohstoffkriegen, Klimawandel und explodierenden Atomkraftwerken geraten.

Was können wir tun?

Wir müssen den Peak Oil sehr ernst nehmen und versuchen, unsere Erdölabhängigkeit schrittweise zu reduzieren. Indem wir zum Beispiel auf Elektromobilität setzen, auf Sonnenstrom, auf Wasserkraft und Windenergie, indem wir die Häuser gut isolieren und mit Holz oder Wärmepumpen ohne Erdöl und Erdgas beheizen. Wir müssen das Energiesystem effizient umbauen. Es gibt heute schon interessante Technologien, mit denen das möglich ist.

Sie reden oft von Ressourcenkriegen. Was meinen Sie damit?

Der Irak-Krieg zum Beispiel war ein eindeutiger Erdölbeutezug. George Bush junior und Tony Blair haben diesen Krieg 2003 vom Zaun gebrochen, und zwar ohne Mandat des UNO-Sicherheitsrates. Es war ein illegaler Krieg mit einer Million Toten. Bush und Blair sind Kriegsverbrecher. Auch Vizepräsident Dick Cheney und Verteidigungsminister Donald Rumsfeld sind Kriegsverbrecher. Der Libyen-Krieg 2011 war auch ein Erdölbeutezug.

Und Syrien?

Syrien ist ein Pipeline-Krieg. Man möchte Pipelines von Iran durch Syrien ziehen oder alternativ von Katar durch Syrien. Assad hat Katar 2009 jedoch ein Veto erteilt. Er arbeitet lieber mit den Iranern zusammen. Wenige Jahre später, 2011, ist der Syrien-Krieg ausgebrochen. Katar und Saudi-Arabien wollen Assad stürzen, die Türkei auch, ebenso die Briten und Amerikaner. Die Iraner und die Russen, mit denen er zusammenarbeitet, möchten ihn an der Macht halten. Für mich ist es ganz klar - wir leben schon heute im Zeitalter der Rohstoffkriege.

Ich bitte Sie, Herr Ganser, die Nato bekämpft in Syrien den IS und einen schrecklichen Diktator. Wie damals im Irak.

Auch Saddam Hussein war ein schrecklicher Diktator, das stimmt schon. Aber in den 80er-Jahren wurde Saddam von den USA unterstützt im Kampf gegen Chomeini. Die USA wollten damit beide schwächen, Iran und den Irak. Eine teuflische Strategie. Der ganze Krieg gegen den Terrorismus ist ein Vorwand, um Erdöl und Erdgas zu erbeuten. Es gab keine ABC-Waffen im Irak, die Geschichte war erfunden. Die Besetzung des Iraks hat den Terrorismus massiv gestärkt, nicht geschwächt. Die Leute, die bei Saddam Hussein im Geheimdienst und im Militär waren, sind jetzt beim IS, diesem sogenannten Islamischen Staat.

Man produziert Terrorismus?

Natürlich. Der Krieg gegen Terrorismus produziert Terrorismus. Es ist nicht so, dass die im Pentagon so dumm sind und das nicht sehen. Das übergeordnete Ziel ist immer wieder Regime Change. Saddam, Gaddafi oder jetzt Assad - man will die Regierung stürzen, um danach Militärbasen aufzubauen und die Länder und die Pipelines zu kontrollieren. Es ist das alte geostrategische Spiel. Man kann es nicht deutlich genug sagen: Diese Rohstoffkriege basieren auf Lügen. Wir sollten viel besser 100 Prozent erneuerbare Energie anstreben.

Und mit den Rohstoffkriegen kommen die Flüchtlinge?

Das hängt unmittelbar damit zusammen, ja. Die Flüchtlinge kommen aus dem Irak, aus Afghanistan, aus Syrien. Das sind alles muslimische Länder, und diese Länder wurden von der Nato gnadenlos bombardiert. Die Nato hat in den letzten 15 Jahren bewiesen, dass sie Länder in Schutt und Trümmer legen kann. Was aber im 21. Jahrhundert gefragt ist, ist nicht Zerstörung. Die Herausforderung ist, stabile Gesellschaften mit einer nachhaltigen Wirtschaft aufzubauen. Dabei hat die Nato völlig versagt. Weder in Libyen noch in Afghanistan noch im Irak haben wir heute stabile Gesellschaften, auch nicht in Syrien. Im Gegenteil, man hat verfeindete Clans bewaffnet, die sich jetzt gegenseitig bekämpfen.

Was ist Ihrer Meinung nach zu tun?

Es ist wichtig, dass wir uns wieder auf die UNO besinnen. Sie wurde 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gegründet. Damals war es viel, viel schlimmer als heute. Ganz Deutschland lag in Trümmern, der Krieg forderte 60 Millionen Tote. Aus dieser Krise des Zweiten Weltkriegs heraus hat man die Weltfriedensorganisation gegründet. In der UNO-Charta ist das Gewaltverbot verankert: Es ist verboten, dass ein Land ein anderes angreift. Wir brauchen also kein neues Dokument, das Dokument gibt es schon. Wir brauchen einen Bewusstseinswandel. Die UNO-Charta muss wieder respektiert werden.

Der Erdölpreis liegt bei 45 Dollar (Stand 24. April). Wieso so günstig?

Beim Erdöl haben wir in den letzten 20 Jahren eine massive Fluktuation, wir nennen das Volatilität. Der Preis steigt und fällt. Man muss das historisch einordnen. In den 50er- und 60er-Jahren kostete das Fass Erdöl immer weniger als 2 Dollar. 159 Liter Erdöl für weniger als 2 Dollar - das ist gratis. Dann, in den 70er-Jahren, hatten wir eine erste Erdölkrise. Es gab autofreie Sonntage, man konnte damals auf der Autobahn Rollschuh und Velo fahren. Das war 1973. Der Erdölpreis lag damals bei etwa 10 Dollar. Im Jahr 1999 war er immer noch bei 10 Dollar. Dann stieg der Preis auf 20, 50, 100 Dollar, und die Leute fragten sich, was passiert denn jetzt? Im Jahr 2008 hat der Erdölpreis eine Spitze von über 140 Dollar erreicht. Das hat eine Rezession ausgelöst, die Wirtschaft hat gestöhnt und geächzt.

Die amerikanische Investmentbank Lehman Brothers ging Pleite....

....es gab die Immobilien-Krise und im Zuge dessen ist der Erdölpreis auf 40 Dollar abgesackt. Danach stieg der Erdölpreis wieder. Letztes Jahr hat er sich dann wieder halbiert, von 100 auf 50 Dollar. In dieser volatilen Bewegung sind wir noch mittendrin. Niemand weiss, wo der Preis in einem Jahr sein wird.

Was sind die Hintergründe?

Die Saudis fördern sehr, sehr viel Erdöl. Sie führen einen gnadenlosen Konkurrenzkampf. Durch die Schieferölproduktion in den USA wurden sie etwas bedrängt. Aber diese hat höhere Kosten. Die Saudis schwemmen nun den Markt. So fällt der Erdölpreis, und das macht den kostenintensiven Teil der amerikanischen Produktion unrentabel. Es ist eine typische Discounter-Strategie. Wer tiefere Kosten hat, überschwemmt den Markt und wartet, bis die Konkurrenz platt ist.

Sie vollziehen die Energiewende Schritt für Schritt selbst. Was konkret haben Sie getan?

Als wir ein Haus gekauft haben, habe ich die Erdgasheizung entfernen lassen. Ich will kein Erdgas von Putin - wegen des Klimawandels, wegen des Kriegs in der Ukraine, es reicht! Alternativ gibt es Wärmepumpen und Holzfeuerungen. Ich habe mich für eine Erdsonden-Wärmepumpe entschieden. Die ist sehr effizient, braucht weder Öl noch Gas, nur etwas Strom. Und diesen Strom, das war mir sehr wichtig, wollte ich selber produzieren. Also habe ich auf dem Dach 70 m2 Photovoltaik installiert, zudem 10 m2 Solarthermie für Warmwasser. Die Photovoltaik produziert übers Jahr 8000 kWh Strom. Das ist mehr, als ich brauche für das Haus mit allem Drum und Dran.

Zu viel Strom. Was machen Sie damit?

Ich habe mir letztes Jahr ein Elektroauto zugelegt. Ich teste jetzt, ob es geht ohne Öl und Gas und Strom aus Atomkraftwerken. Die Zwischenbilanz zeigt: Es geht. Es geht wirklich.

Aber die Anschaffungskosten sind sehr hoch.

Da legen Sie den Finger auf den wunden Punkt. Noch ist es teuer, diesen Schritt zu machen. Dafür sind die Betriebskosten sehr günstig. Und es ist komfortabel. Ich tanke mein Elektroauto in der Garage mit selber produziertem Sonnenstrom - das ist verblüffend! Das Paket Wärmepumpe, Photovoltaik und Elektroauto wird bald unter 100 000 Franken kosten. Weil immer mehr Menschen in diese Richtung gehen, wird es günstiger.

Apropos Geld - die Schweiz gibt jeden Monat eine Milliarde Franken für Erdölprodukte aus.

In der Tat, wir lassen jeden Monat eine Milliarde Franken aus unserer Volkswirtschaft abfliessen. Das ist ein völliger Irrsinn. Wir könnten damit unsere Elektrizitätswerke dafür entlöhnen, dass sie gute Wasserkraft produzieren. Mit diesem Strom könnten wir unsere Wärmepumpen und unsere Elektroautos antreiben.

Heute, in Zeiten dieses Bewusstseinswandels, den Sie angesprochen haben, merken viele Menschen, dass die Dinge im Umbruch sind. Und sie fragen sich: Was können wir tun?

Für mich ist es klar: 100 Prozent erneuerbare Energien anstreben, friedliche Konfliktlösung, Respekt für die UNO-Charta. Und es braucht auch eine Medienrevolution. Denn die ganzen Kriegslügen werden über die Medien in die gute Stube transportiert.

Mehr Informationen zu Daniele Ganser und Energiethemen finden Sie auf

www.hk-gebaeudetechnik.ch

www.elektrotechnik.ch

und im neusten Extra (Probeabo)

Daniele Ganser zum Syrienkrieg (Youtube)

Video zum Interview