Ein Hotel in Troisdorf D konnte durch den Einsatz des Hycleen-Systems die Installation optimieren und den Wasserverbrauch senken. (Bilder: zVg)

Seit März skizziert die neue Richtlinie W3/E4, wie Trinkwasserinstallationen durch Selbstkontrolle instandgehalten und beprobt werden können.

Damit kein Wässerchen getrübt wird

Die Forschungsergebnisse der letzten Jahre sowie schärfere Richtlinien verhelfen der Trinkwasserhygiene zum Aufschwung. Um Risikofaktoren zu minimieren, kommen neue Produkte auf den Markt. Was versprechen diese, und wie wird sich das Berufsbild des Installateurs verändern?

Materialien, Temperaturen und Stagnation: Das sind die drei Sorgenkinder bei der Trinkwasserhygiene. Aus ungeeignetem Material können unerwünschte Stoffe ins Wasser migrieren respektive Mikroorganismen als Nährstoff dienen. Wie die Versuche von Eawag und HSLU vor einigen Jahren gezeigt haben, sind insbesondere Duschschläuche heikel. Doch auch nicht zertifizierte Rohrleitungen oder Verbindungen können zu Problemen führen. Deutlich sind auch die Forschungsbereiche bezüglich Wassertemperaturen: Der Bereich von 25 bis 45 Grad Celsius ist hygienisch kritisch. In diesem Temperaturbereich können sich unerwünschte Mikroorganismen, darunter etwa Legionellen, vermehren. Bestehende Probleme infolge des Materials, der Temperaturen oder wegen des durchaus «normalen» Biofilms in Leitungen werden schliesslich durch die Stagnation des Trinkwassers verschärft. Dass die Trinkwasserhygiene kein akademisches Steckenpferd, sondern ein wichtiges Gesundheitsthema ist, wurde vielen Gebäudebesitzern und -betreibern letzten Herbst bewusst, als der SVGW die Richtlinie W3/E3 in Kraft setzte. Jetzt ist auch die W3/E4 in Kraft, welche die Kontrollpflichten für die Trinkwasserinstallation näher ausführen wird.

Dreistufige Sicherheit

Kein Wunder also erhält die Trinkwasserhygiene nun auch von den Bauherrschaften langsam die gebührende Aufmerksamkeit. Während die Trinkwasserinstallation lange eine Blackbox war, machen sich nun verschiedene Hersteller daran, mit neuen Konzepten und Geräten mehr Licht ins Dunkle zu bringen. So etwa die R. Nussbaum AG: Ihr dreistufiges Modell für die Trinkwasserhygiene setzt zuerst bei den Materialien an. Für Keller und Steigzonen von normalen Wohn- oder Gewerbegebäuden empfiehlt das Unternehmen metallische Werkstoffe, also entweder Edelstahl oder bleifreien Rotguss. Für die Etagenverteilung setzt man auf durchflussoptimierte Kunststoffrohre.

Die zweite Stufe des Konzepts bezieht sich auf die Temperaturen: Für Kaltwasser und Warmwasser sollen hier, wenn immer möglich, getrennte Schächte erstellt werden. Auf der Etage sind Kalt- und Warmwasserleitungen thermisch zu trennen, insbesondere beim Kaltwasser sind thermische Beeinflussungen (etwa durch die Bodenheizung) auszuschliessen. «Damit Warmwasserleitungen rasch auskühlen können, sollen sie auf der Etage nicht gedämmt werden. Ebenso raten wir, auf durchgeschlaufte Leitungen oder T-Stück-Installationen zu verzichten, sonst wird unerwünschter Wärmeaustausch durch Wärmebrücken oder Konvektion ermöglicht», erläutert Patrik Zeiter, Leiter Grundlagen & Schutzrechte bei Nussbaum.

Wenn die korrekten Materialien gewählt wurden und die thermische Trennung von Kalt- und Warmwasser umgesetzt wird, ist schon viel erreicht. Nun geht es «nur» noch um die Stagnation. Gemäss Zeiter können die Risiken schon einmal deutlich reduziert werden, wenn die Verteilleitungen optimal dimensioniert und die Ausstossleitungen sauber geplant werden. «Wir richten uns hier nach der Neun-Meter-Regel. Das heisst, die maximale Länge der Leitung beträgt 9 m. Somit erhalten wir fünf Sekunden nach Bedienung der Zapfstelle bereits frisches Wasser, und das stagnierende Wasser aus der Etagenleitung oder dem Duschschlauch wird automatisch verworfen», erläutert Patrik Zeiter. Dieses Konzept der «Spülung durch frisches Wasser» ist auch der Grund, weshalb Nussbaum bei Standardobjekten von Spülautomaten abrät. Denn laut Zeiter nützen Spülautomaten just dort am wenigsten, wo die Legionellen-Kontamination am grössten ist, nämlich bei Strahlreglern, Duschschläuchen oder Brausen.

Kontrolleur im Keller

Bei Neubauten dürften solche Konzepte bedeutend leichter umzusetzen sein als im Bestand. Genau hier setzt das Konzept von GF Piping Systems an. Mit dem «Hycleen Automation System» werden die bestehenden Zirkulationsregelventile im Keller mit digitalen Ventilen ersetzt. Diese werden nach dem aus der IT bekannten Prinzip «Master and Slave» vernetzt. Der Master, ein bedienbarer Touchscreen, ist gewissermassen der Chef. Von hier aus werden alle Ventile mithilfe eines einzigen Kabels angeschlossen. Dieses übernimmt die Stromversorgung sowie die Datenübermittlung der einzelnen Ventile zum Master. Als Grundfunktion erheben die smarten Ventile die Temperatur und melden diese regelmässig an den Master. Zudem können Durchflusssensoren integriert werden.

«So merkt man rasch, ob eine bestehende Zirkulationsleitung auch die gewünschten und geforderten Temperaturbereiche einhält», sagt Johannes Thoma, Leiter Globales Produktmanagement Haustechnik bei GF Piping Systems. Interessant ist eine weitere Funktion: Aufgrund der vernetzten Ventile sind Vorlauf- und Rücklauftemperatur jederzeit bekannt. Via Master können nun die Ventile so gesteuert werden, dass in regelmässigen Abständen ein hydraulischer Abgleich vorgenommen wird.

Bei der Basisversion des Hycleen Automation System können die Daten auf einen USB-Stick übertragen und anschliessend am Computer ausgewertet werden. Komfortabler ist die «Hycleen Connect»-Version. Hier werden die Daten drahtlos in eine Cloud übermittelt. Die automatische Erstellung von Berichten (Formate PDF und XML) ist ein weiterer Vorteil. «Bei grossen Objekten, etwa Spitälern oder Hotels, kann der Master zudem ins Gebäudeleitsystem eingebunden werden. So haben die Verantwortlichen auch am Arbeitsplatz Zugriff auf die Daten», berichtet Thoma. Das System eigne sich sehr gut, um Probleme mit einer bestehenden Installation zu erkennen und danach zielgerichtet zu beheben: «Bei einem Hotel in Troisorf D waren die Temperaturen im grünen Bereich, pro Zirkulationsstrang betrug der Durchfluss aber 100 bis 200 Liter. Nach der Optimierung sind es noch 70 bis 100 Liter, bei jedem Ventil spart man also 30 bis 100 Liter Warmwasser in Bewegung.»

Geld, Zeit und Wissen

Reichen solche technischen Lösungen, um eine angemessene Hygiene auf lange Sicht zu gewährleisten? «Trinkwasserhygiene ist ein multidisziplinäres Feld. Es braucht nicht nur mehr Technik, sondern auch mehr Wissen bei Planern und Installateuren sowie mehr Spielraum bei den Budgets» sagt Stefan Kötzsch. Er war lange Jahre in der Forschung tätig und ist nun Teamleiter Trinkwasserhygiene bei der Vadea AG. Derzeit sei das Thema noch nicht auf dem Radar von Gebäudebesitzern und -betreibern, sagt Kötzsch: «Wie beim Coronavirus gilt auch in unserem Feld das Präventionsparadox: Man macht vieles, damit nichts schiefgeht. Der Erfolg besteht dann genau darin, dass in Sachen Trinkwasserinstallation nichts Schlechtes passiert - also keine Krankheitsfälle, keine Probleme mit der Mikrobiologie und keine teuren Sanierungen. Das muss in den Köpfen noch stärker ankommen.»

Die Planung von sicheren, hygienischen Installationen gemäss dem Stand der Technik sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein. Doch der ruinöse Preiskampf in der Branche mache es fast nicht mehr möglich, solche Systeme zu bauen, meint Kötzsch: «In den ganzen Prozess muss mehr investiert werden. Beim Brandschutz ist es selbstverständlich, dass die Einhaltung der Vorschriften einen gewissen Mehraufwand bedingt. Beim Trinkwasser braucht es ebenfalls einen Zusatzaufwand, der honoriert werden muss.» Für Installateure wiederum gehe es darum, sich im hektischen Baustellenalltag mehr Zeit für ihre Arbeit zu sichern: «Man schaut immer auf den Plättlileger, weil er für das Finish sorgt. Viel wichtiger ist aus meiner Sicht aber, was hinter der Wand steckt. Die Sanitäre brauchen mehr Pufferzeiten für Installation und Inbetriebnahme. Saubere Arbeit benötigt Zeit!»

Fazit

Um die geforderten Standards zu erfüllen, muss der gesamte Bauprozess für die Trinkwasserinstallation mehr Ressourcen erhalten. Bauherrschaften, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind, werden auf eine saubere Planung und ebensolche Installation das nötige Gewicht legen. Die Verwendung hochwertiger, langlebiger Komponenten auf dem Stand der Technik sollte selbstverständlich sein. Ebenso muss der Unterhalt der Installationen das notwendige Gewicht erhalten. Bei Heizungs- oder Lüftungsanlagen wird dies schon längst gemacht. Höchste Zeit also, dass auch die Trinkwasserinstallation auf Augenhöhe mit den anderen Gewerken behandelt wird.

Der vollständige Beitrag ist in p+i 01/21 erschienen.