Marcel Ruckstuhl, Fachmann für Belagsexpertisen von StoneControl: «Die Wichtigkeit eines fachgerechten Estrichs im Duschbodenbereich findet oft zu wenig Beachtung.»

GUT ZU WISSEN

Eine Sekundärentwässerung mit moderner Verbundabdichtung kann zu einem ernsten Hygieneproblem führen»

Duschrinnen sind ein Trend. Während früher noch oft in einer Stahlbadewanne geduscht wurde, werden heute meist grosszügig und bodeneben ausgeführte Duschplätze geschätzt. Das heute übliche tägliche Duschen stellt aber auch höhere Anforderungen an eine nachhaltige Hygiene als früher. Marcel Ruckstuhl, Fachmann für Belagsexpertisen von StoneControl, erklärt im Interview, auf welche Aspekte beim Einbau zu achten ist und wie Wasserschäden in Nasszellen verhindert werden können.

 

Marcel Ruckstuhl, die beliebten Duschrinnen und die häufigere Nutzung von Duschen heute verlangen bei der Hygiene bessere Lösungen. Welche Punkte sind dabei besonders zu beachten?
Grundsätzlich muss man sagen, dass die Pflege eines Duschplatzes gerade bei intensiver und täglicher Nutzung von besonderer Bedeutung ist, denn offene Entwässerungsstellen bieten die besten Voraussetzungen für organisches Wachstum wie z. B. Schimmelpilzbildung oder Silber­fischnester. Die wichtigsten Einflussfaktoren die praktisch an je­dem Duschplatz zu finden sind, sind eine hohe Luftfeuchtigkeit von 80%, ein leicht saures Milieu mit einem pH-Wert von 4,5 bis 6,5, oftmals optimale Temperaturen zwischen 15 und 45°C sowie ein reduzierter Lichteinfall.

Hinzu kommt, dass gerade an Entwässerungsstellen eines Duschplatzes oftmals stehendes Abwasser und eine Ansammlung an organischen Substanzen wie Fett, Haare, Hautreste zu finden sind. Diese Substanzen sind denn auch massgeblich dafür verantwortlich, dass sich auch auf hygienisch unbedenklichen Oberflächen wie Platten, Glas und Edelstahl sehr schnell ein Bioschleim aufbauen kann, der dann den Nährboden für organisches Wachstum bildet. Darum ist es von besonderer Bedeutung, dass man die Nutzer von Duschplätzen darauf hinweist, dass nur durch regelmässiges und gründliches Reinigen der Nährboden für organisches Leben und Schimmelpilzbildung entzogen werden kann.

Wie sollten Sanitärinstallateur und Plattenleger sich am besten ergänzen, damit sichere Lösungen für den Einbau von Duschrinnen erreicht werden? Auf welche Aspekte ist beim Einbau bzw. der Rinnenmontage zu achten und welche Rolle spielt dabei die Planung und die Bauleitung?
Dem Einzelnen geht es leider viel zu oft nur um seinen Teil des Bauwerks. Die Mitwirkenden sollten sich als ein zusammengehöriges Ganzes verstehen können, die ein gemeinsames Ziel verfolgen. Die enge Abstimmung zwischen Plattenleger und Sanitärinstallateur ist sehr wichtig, damit es keine unangenehmen Überraschungen gibt. Der Plattenleger findet in der Regel die bereits fertig in den Estrich, d. h. Unterlagsboden, eingebaute Rinne vor und trägt nun die Verantwortung für eine fachgerechte Verbundabdichtung und die Belagsarbeiten. Besonderes Augenmerk hat er dabei auf die Abdichtung vom Rinnenkörper zum Estrich zu richten. Hier muss er darauf achten, dass die von ihm eingesetzte Abdichtung auf den Rinnentyp geprüft und zugelassen ist.

«Es ist von besonderer Bedeutung, dass man die Nutzer von Duschplätzen darauf hinweist, dass nur durch regelmässiges und gründliches Reinigen der Nährboden für organisches Leben und Schimmelpilzbildung entzogen werden kann.»

Oftmals werden von den Rinnenherstellern Abdichtungsbänder dafür mitgeliefert oder die Rinnen sind so konstruiert, dass die Abdichtung für den Plattenleger offensichtlich ist und keine weiteren Rätsel darstellt. Hier gilt eine Holschuld für die zur eigenen Arbeit benötigten Informationen und eine Bringschuld für die dem Partner wichtigen und nützlichen Informationen. Ein weiterer sehr wichtiger Punkt ist die Einhaltung der Schallschutzanforderungen nach der Norm SIA 181. Hier sind die erforderlichen Vorarbeiten vom Sanitärinstallateur zur Entkopplung der Duschrinne nach Angaben des Duschrinnenherstellers fachgerecht auszuführen. Der Estrichleger hat seinerseits darauf zu achten, dass der Stellstreifen im Wandbereich und die Bodendämmung fehlerfrei ausgeführt werden. Die Wichtigkeit eines fachgerechten Estrichs im Duschbodenbereich findet oft zu wenig Beachtung. Bodenheizrohre, geringe Schichtstärken und ungeeignete Dämmungen stellen ein nicht zu unterschätzendes Risiko dar. Heute werden Estriche von Duschböden vermehrt durch den Plattenleger erstellt, das macht durchaus Sinn, glaube ich, so kommen Schallschutz, Gefälleestrich und Bodenbelag aus einer Hand.

«Die enge Abstimmung zwischen Plattenleger und Sanitärinstallateur ist sehr wichtig, damit es keine unangenehmen Überraschungen gibt.»

Wie sind schadensfreie Bauwerke am besten zu erreichen?
Schadensfreie Bauwerke können nur aus guter Planung hervorgehen. Abdichtungen, auch die in häuslichen Nassbereichen, sind gewerkübergreifend und müssen auch so geplant, organisiert und kontrolliert werden. Mit den heutigen Bauprodukten ist es möglich, morgens um 8 Uhr die Rinne zu montieren, vor dem Mittagessen die Dusche abzudichten und nach dem Mittagessen die Platten zu verlegen. Hier ist die Bauleitung gefordert. Natürlich muss sie  nicht jede einfache und selbstverständliche Tätigkeit beaufsichtigen. Schadensträchtige schnitt­stellenübergreifende Arbeitsvorgänge wie Abdichtungen sind jedoch immer zwingend zu überwachen.

Sie weisen darauf hin, dass heute 60% mehr Wasserschäden in Nasszellen vorkommen als vor 40 Jahren. Was sind die Gründe dafür und wie wäre diese Entwicklung zu ändern?
Das Duschverhalten hat sich einfach verändert, vor 40 Jahren wurde vielerorts einmal in der Woche geduscht und am Samstag gebadet. Es entstehen heute einfach mehr Beanstandungen und Schäden, weil praktisch jeder täglich duscht. Bei einer fünfköpfigen Familie steht eine Dusche unter Dauerbeanspruchung.

«Ein Problem ist auch, dass viele Nutzer ihren Duschplatz ungenügend pflegen.»

Sicher hat aber auch die Bauweise einen Einfluss, früher wurden Nasszellen massiv gemauert und mit zementhaltigem Grundputz verputzt. Heute werden gipshaltige Leichtbauwände gestellt, möglichst mit einem Fenster im Spritzwasserbereich. Auf dem Sims steht dann das ganze Familiensortiment an Pflegeprodukten und Haarshampoos immer griffbereit und verhindert «erfolgreich» das Lüften.

Ein Problem ist auch, dass viele Nutzer ihren Duschplatz ungenügend pflegen, und so können rasch hygienische Beanstandungen entstehen, die dann durchaus auch zu einer Schädigung des Duschplatzes und der darunterliegenden Bausubstanz führen können. Aber auch die übertriebene Reinigung des Duschplatzes mit aggressiven Reinigungsmitteln führt immer wieder zu Problemen. Hier sind dann oftmals die Plattenfugen und Armaturen betroffen, die von diesen Reinigungsmitteln angegriffen und beschädigt wurden.

Wie kann die Qualitätssicherung am Bau generell verbessert werden?
Wichtig ist die Ausbildung. Die Qualität der Ausführung steht meist und zu Recht im Vordergrund des Interesses. Meines Erachtens sind wir diesbezüglich in der Schweiz sehr gut aufgestellt.

Die Normungsarbeit und das Erarbeiten technischer Merkblätter ist ebenfalls wichtig. Sie regeln und klären laufend die Weiterentwicklungen im Bereich der Baustoffe, der Baukonstruktionen und der Ausführungsqualität. Gerade in Streitfällen kommt ihnen ein besonderes Gewicht zu, weil sie im Allgemeinen die anerkannten Regeln der Baukunst dokumentieren.

Nicht zuletzt kommt auch der Fachpublizistik eine gewichtige Rolle zu, die zugleich Trends der Entwicklungen in der Praxis und am Markt widerspiegelt.

Sekundärentwässerungen mit einer modernen Verbundabdich­tung können zu einem Hygieneproblem führen. Wie ist hier vorzugehen?
Das ist richtig. Ich treffe vermehrt auf Einbausituationen mit Dusch­rinnen, die durch eine offene Sekundärentwässerung unter dem Plattenbelag nur sehr eingeschränkt und schwer zu pflegen sind. Die sogenannte Sekundärentwässerung in Duschen kommt aus der Zeit der klassischen bituminösen Abdichtungen. Diese Abdichtungen wurden unterhalb des Estrichs auf der Betondecke bzw. dem Gefälleestrich eingebaut. Der weitaus grösste Teil des Duschwassers wurde über den Plattenbelag in die primäre Öffnung des Ablaufs geführt. Einsickerndes Wasser konnte bis auf die bituminöse Abdichtung im Gefälle unterhalb des Estrichs geführt werden und wurde dann von  einer sekundären Öffnung im Ablauf entwässert. Bei Aussenbelägen auf Dachterrassen und Balkonen mit wasserdurchlässigem Splitt, mit Sicker- oder Drainagenmörteln befindet sich die Abdichtungs­ebene unterhalb der Lastverteilungsschicht, hier ist das Prinzip der Sekundärentwässerung ein logischer Teil des Systemaufbaus.

«Epoxidharzfugen gehören für mich ebenfalls zu  einem modernen und hygienischen Duschplatzsystem.»

Inzwischen sind über 30 Jahre vergangen und wie in anderen Bereichen haben neue Material- und Verlegesysteme auch bei den Plattenlegern Einzug gehalten. Es erstaunt mich, wie hartnäckig der Begriff Sekundärentwässerung im Zusammenhang mit Duschböden trotzdem immer wieder auftaucht. Dabei ist es einfach zu erklären, weshalb diese Entwässerung technisch gesehen keinen Sinn ergibt. Keramische Platten müssen gemäss den Regeln der Baukunde mit einem kunststoffvergüteten Klebemörtel weitgehend hohlraumfrei geklebt werden. Dies gilt für alle Plattenbeläge in Aussenbereichen, in Schwimmbädern und in Duschen. Damit wird stehendes Wasser unterhalb des Belages verhindert, das im Aussenbereich zu Frostschäden und in Innenbereichen zu Keimnestern führt. Fliessendes Wasser, das es zu entwässern gäbe, findet sich in diesen modernen Systemen mit Klebemörteln und Verbundabdichtungen eigentlich nicht.

Fachverbände und führende Produkteherstellers empfehlen zudem seit Jahren die Verwendung von Epoxidharzfugen in Duschbereichen. Empfehlung bedeutet, der Kunde muss Kenntnis davon haben, dass zementäre Fugen durch saure Haushaltsreiniger angegriffen und zerstört werden können. Epoxidharzfugen gehören für mich ebenfalls zu einem modernen und hygienischen Duschplatzsystem.

Eine Sekundärentwässerung mit einer modernen Verbundabdichtung kann sehr schnell zu einem ernsten Hygieneproblem führen. Rückstauendes Abwasser kann in die Spalten unter dem Plattenbelag eindringen. Seifenreste, Haare und andere Verunreinigungen können dann schnell zu unangenehmen Gerüchen und organischem Wachstum führen. Hier sind Lösungen gefragt, die den hohen hygienischen Anforderungen an eine Dusche gerecht werden.

Sie warnen vor Rinnen ohne geschlossenen Rinnenrand. Welche Vorkehrungen sind hier wichtig?
Werden Rinnen ohne einen geschlossenen Rinnenrand eingesetzt, was aus optischen Aspekten durchaus gewünscht sein kann, dann ist es absolut wichtig, dass kein Abwasser unter den Plattenbelag eindringen kann. Hier empfiehlt sich für einen dauerhaften Verschluss der Einsatz von Epoxidharz. Ein Verschluss mit Silikon gilt als Wartungsfuge und ist in diesem schlecht einsehbaren Bereich einem Bauherrn nicht zuzumuten. Ein Verschluss mit Mörtel oder Fliesenkleber ist wegen der Durchfeuchtung aufgrund der kapillaren Eigenschaften dieser Materialien unter dem Plattenbelag unbedingt zu vermeiden.

«Es erstaunt mich, wie hartnäckig der Begriff Sekundärentwässerung im Zusammenhang mit Duschböden trotzdem immer wieder auftaucht. Dabei ist es einfach zu erklären, weshalb diese Entwässerung technisch gesehen keinen Sinn ergibt.»

Um weitere Angriffsflächen für Schmutzbefall und Schimmelpilzbildung zu vermeiden, sollten alle gesägten bzw. geschnittenen Kanten und Flanken im Duschbereich unbedingt mit einer Abschlussleiste aus Edelstahl versehen werden, so wie dies heute in der Praxis auch mit Keilschienen im Übergang des Gefällebereichs ausgeführt wird.

Welche besseren Anwendungen gibt es am Markt?
Wenn Sie mich fragen, dann die Rinnentypen wie sie in Grossküchen Verwendung finden. Die kann man als Mustervorlage nehmen, denn es wird kaum andere Rinnen geben, die einer grösseren Beanspruchung ausgesetzt sind wie diese Bauteile. Und genau für die am höchsten beanspruchten Rinnen gibt es keine Sekundärentwässerung. Im Gegenteil, die einzelnen Bauteile sind gegen Rückstau von Wasser zu sichern. Deshalb sind aus meiner Sicht Rinnenkörper aus poliertem Edelstahl mit einem geschlossenen Rinnenrand bis zur Belagsoberkante sehr zu empfehlen. Sie bieten keine Angriffspunkte für Schmutzbefall und Schimmelpilzbildung. Rückstauendes Abwasser kann nicht unter den Plattenbelag eindringen, sondern wird optisch wahrnehmbar sofort zur Oberfläche des Fertigfussbodens geleitet. Ein weiteres wichtiges Thema ist das schnelle und sichere Entwässern auf der Belagsoberfläche. Ein grosser Rinnenkörper mit einem integrierten Gefälle bietet hier beste Voraussetzungen.

Welche Möglichkeiten in der Ausbildung gibt es, um das Gewerbe fitter für diese Belange zu machen?
Ein typisches Beispiel wie es nicht laufen sollte, ist der Glaubenskrieg über das Thema Sekundärentwässerung in Duschen. Planer und Verarbeiter müssen hier mit Unsicherheiten und Risiken umgehen.

Einzelne technische Merkblätter von Fachverbänden enthalten sich widersprechende Aussagen über Abdichtungsvorgaben in ein und derselben Ausgabe, auch hier bestehen Risiken für die beteiligten Baupartner. Hier muss man in der und für die Ausbildung ansetzen.
Aus meiner 20-jährigen Erfahrung als Schadensgutachter wäre Schadenanfälligkeit im Ergebnis wesentlich geringer, wenn mehr Erfahrung von Fachfirmen bereits in die Planung einfliessen würde. Bei Ausschreibungen sollten vor allem bei Leistungen, die Qualitätsrisiken enthalten, vermehrt auch Vorschläge von Anbietern eingeholt werden.


Über StoneControl
StoneControl ist eine unabhängige Fachstelle für Belagsexpertisen, die Architekten, Planern, Gerichten, Verwaltungen, ausführenden Unternehmungen, Handelsunternehmungen, Fachverbänden und Fachschulen ihre Dienste anbietet. 15 Jahre nebenberufliche Gutachtertätigkeit haben Marcel Ruckstuhl im Jahr 2002 bewogen, ein Unternehmen zu gründen, das sich mit Bauschadensproblemen befasst. Bei vielen Referaten und Seminaren haben sich inzwischen interessierte Zuhörer mit Belagsproblemen und deren Lösungen auseinandergesetzt und weitergebildet.
Als Lehrbeauftragter an verschiedenen Fachschulen vermittelt Marcel Ruckstuhl auch angehenden Meistern, Hochbautechnikern und Bauleitern das nötige Wissen über Belagskonstruktionen.


Weitere Informationen:
StoneControl GmbH, 8523 Hagenbuch
Tel. 052 222 30 30
www.stonecontrol.ch