Stefan Kötzsch: «Alle Trinkwasserleitungen sind von einer Mikroben- Community besiedelt. Diese hält das Trinkwasser biologisch stabil. Wenn das Wasser allerdings zu lange in einem wachstumsfördernden Temperaturbereich stagniert, kann sich das ändern.» @ M. Staub

SANITÄR

«Hygiene ist wichtiger als Energiesparen»

Moderne Bauvorschriften, Energiesparansätze und reduzierter Verbrauch setzen der Trinkwasserqualität zu. Basiswissen über Trinkwasserhygiene könnte schon bald zum Berufsprofil der Sanitärplaner und -installateure gehören und deren Berufe aufwerten. Das betont Stefan Kötzsch, Trinkwasserexperte an der Hochschule Luzern, im Gespräch mit dem «planer+installateur».

Stefan Kötzsch, Sie haben ein dreijähriges Trinkwasser-Projekt initiiert und geleitet. Es widmete sich Materialien im Kontakt mit Trinkwasser. Welche Erkenntnis haben Sie daraus gewonnen?
Durch das Zusammenspiel der vielen neuen Materialien mit wachstumsfördernden Temperaturen und langen Standzeiten des Trinkwassers können mikrobiologische Probleme entstehen. Bekanntlich sind alle Trinkwasserleitungen von einer Mikroben-Community besiedelt. Diese ist erwünscht, denn sie hält das Trinkwasser biologisch stabil. Wenn das Wasser allerdings zu lange in einem wachstumsfördernden Temperaturbereich stagniert, kann sich das ändern.

Im Rahmen des Projekts stellte sich heraus, dass die heutige Bauweise diese wachstumsfördernden Temperaturen eher begünstigt.
Leider, ja. Wenn man früher einen Steigschacht geöffnet hat, waren die Trinkwasserleitungen vor Kälte noch beschlagen. Heute wird das Kaltwasser mehrheitlich in Versorgungsschächten zusammen mit Warmwasser und weiteren Wärmequellen geführt. Diese Schächte sind gut gedämmt und erfüllen Brandschutzanforderungen. Dadurch gibt es praktisch keinen Luftaustausch. Und so steigt die Temperatur in den Steigleitungen beim «kalten» Wasser bereits nach kurzer Stagnation auf 25 Grad Celsius und mehr. Nach unseren Informationen ist das schon deutlich zu hoch. Und im Bereich der Feinverteilungen setzen zuweilen die Fussbodenheizungen der Kaltwassertemperatur zu.

Die aktuellen Bauvorschriften werden vermutlich nicht gelockert. Kann die Branche trotzdem einen Beitrag leisten, um Probleme mit der Mikrobiologie zu vermeiden?
Die Planung sollte sich an der späteren Nutzung des Gebäudes orientieren. Das bedingt zum Beispiel unterschiedliche Verlegearten bei der Feinverteilung, Ringleitungen mit Strömungsteiler, geschlaufte Systeme, automatische Spülsysteme oder Armaturen. So kann man zum Beispiel der unregelmässigen Wassernutzung in Hotels oder Pflegeheimen gerecht werden. Auch der Aufbau der Schächte muss überdacht werden. Für Kalt- und Warmwasser sollten von Anfang an separate Schächte geplant werden.

Das sind Massnahmen, die relativ stark auf die «Hardware» fokussieren, also auf die Installationen. Braucht es zusätzlich neue Arbeitsabläufe?
Bei den Arbeitsabläufen müssen sich Planer und Installateure bewusst sein, dass beispielsweise beim Bau und der Inbetriebnahme viel schiefgehen kann.

«Bei den Arbeitsabläufen müssen sich Planer und Installateure bewusst sein, dass beim Bau und der Inbetriebnahme viel schiefgehen kann.»

Wenn das nicht sauber umgesetzt wird, kann man sich ein mikrobiologisches Problem einhandeln, das sich nur mit grossem Aufwand beseitigen lässt. Installateure schaffen die Infrastruktur für Trinkwasser, also die Verpackung für eines unserer wichtigsten Lebensmittel. Die Mikrobiologie dieses Lebensmittels reagiert auf jeden Fehler.

Woran denken Sie konkret?
In der Regel macht man auf der Baustelle eine Erstbefüllung der Trinkwasserinstallation mit anschliessender Druck- und Festigkeitsprüfung.

«Die Planung sollte sich an der späteren Nutzung des Gebäudes orientieren. Für Kalt- und Warmwasser sollten von Anfang an separate Schächte geplant werden.»

Danach lässt man das Wasser in den Leitungen stehen, um zu sehen, ob etwas angebohrt wird. Das Wasser bleibt aber teils monatelang in den Leitungen stehen. Erst dann kommt es zum Netzanschluss und einer kurzen Spülung. Das kommt einem mikrobiologischen Lotteriespiel gleich. Die Spülung entfernt zwar grobe Verunreinigungen. Aber eine mikrobiologische Kontamination lässt sich davon nicht beeindrucken. Und dann gibt es noch den hydraulischen Abgleich. Er wird in der Schweiz leider oft übersprungen, das gilt als Kavaliersdelikt. Im Bereich der Richtlinien befindet sich das Thema Erstbefüllung und Inbetriebnahme bereits in Überarbeitung.

«Im Bereich der Richtlinien befindet sich das Thema Erstbefüllung und Inbetriebnahme bereits in Überarbeitung.»

Welchen Einfluss haben denn hydraulische Unregelmässigkeiten auf die Trinkwasserhygiene?
Wenn nicht überall die gleichen Druckverhältnisse herrschen, gibt es Teile im System, die langsamer, schneller oder gar nicht durchspült werden. Das heisst, man schafft neben Komfortproblemen wie Temperaturschwankungen im schlimmsten Fall auch unkontrollierbare Wachstumszonen für die Mikrobiologie. 

Was heisst das für die Benützer?
Der Gebäudebetreiber übernimmt ein System, weiss aber überhaupt nicht, wie dessen hygienischer Zustand ist. Bei der Übergabe werden keine Proben genommen. Man nimmt einfach an, es werde schon alles in Ordnung sein.

«Aus meiner Sicht brauchen die Leute an der Front angemessene Aus- und Weiterbildungen in Sachen Hygiene. Damit erhalten Planer und Sanitärinstallateure auch gute Argumente, um ihren Beruf aufzuwerten.»

Diese Nonchalance sollte also weichen. Was braucht es dazu?
Die heutigen Anlagen sind viel komplexer als noch vor 20 Jahren. Technisierung und Digitalisierung stellen hohe Ansprüche an die Planer und Installateure. Der Kostendruck behindert aber oftmals eine qualitativ hochwertige und zufriedenstellende Installation. Am Wichtigsten ist darum eine koordinierte Zusammenarbeit zwischen den Beteiligten auf der Baustelle, den Gesetzgebern und Richtlinienakteuren sowie der Branche. Ebenso müssen auch Eigentümer und Mieter mehr Bewusstsein aufbringen. Aus meiner Sicht brauchen die Leute an der Front angemessene Aus- und Weiterbildungen in Sachen Hygiene. Damit erhalten Planer und Sanitärinstallateure auch gute Argumente, um ihren Beruf aufzuwerten.

Wie kommt das in der Praxis an?
Im vergangenen Jahr haben wir damit begonnen, praxisnahe Vorlesungen zum Thema Trinkwassermikrobiologie für angehende Planer im Rahmen ihres Studiums zu geben. Dies kam sehr gut an, und wir werden auch für die Installateure entsprechende Angebote ausbauen.

Wird diese Weiterbildung auch das Berufsbild verändern?
Bis heute setzt meistens der Architekt seine Vorstellungen durch. Planer und Sanitäre müssen sich anpassen. Das ist nicht zielführend. Was wir brauchen, sind Architekten, die besser auf die Bedürfnisse der Planer eingehen. Die Trinkwasserinstallation ist ja nicht irgendein Gewerk, verschiedene Akteure müssen sich an Gesetzgebung und Normen halten.

Nicht die Planer und Installateure müssen sich also anpassen, sondern die Architekten?
Wenn ein architektonisches Konzept im Rahmen der existierenden Richtlinien und Normen technisch nicht umsetzbar ist, muss man das Konzept anpassen und nicht die Ausführung. Dazu nur ein Beispiel: Wenn die Nasszellen vom Architekten so platziert werden, dass fünfzehn Meter lange Ausstossleitungen nötig sind, werden die Anforderungen nicht eingehalten. Dann muss man halt die Grundrisse so anpassen, dass möglichst wenig Rohrlaufmeter und Verästelungen im Gebäude entstehen.

«Die Frischwasserstationen erwärmen das Wasser nicht hoch genug, und das Leitungssystem nach der Station wird gerne ausgeblendet.»

Bis jetzt haben wir vom Kaltwasser gesprochen. Wie sieht es beim Warmwasser aus?
Hier geht es unter anderem um die Temperaturen, und zwar vor allem wegen der Legionellen-Prophylaxe. Die Studien der letzten 30 Jahre zeigen deutlich, dass Warmwasser kontinuierlich mindestens auf 60 Grad Celsius erwärmt werden sollte. Und die optimale Temperatur an der Entnahmestelle beträgt 55 Grad Celsius. Nur wenn das gesamte Leitungssystem regelmässig diese Temperaturen erfährt, werden die Legionellen in der Regel unter Kontrolle gehalten. Leider geht der Trend in Richtung Niedrigtemperatur-Installationen, die teilweise nur 50 Grad Celsius oder gar weniger erreichen. Auch das periodische Aufheizen, bekannt als «Legionellenschaltung», steht vermehrt unter Beobachtung, da es im Wesentlichen ein Widerstandstraining für die Mikrobiologie in den Biofilmen ist. 

Niedrige Temperaturen bringen aber grosse Einsparungen beim Energiebedarf. Muss man sich zwischen Energiesparen und Wasserqualität entscheiden?
Energieeffizienz und Einsparungen sind wichtige und gute Ziele. Aber der Spargedanke sollte in bestimmten Bereichen nicht überstrapaziert werden. Im Falle der Warmwassertemperaturen muss man klar sagen: Hygiene ist wichtiger als Energiesparen. Und Hygiene ist definiert als Schutz der Gesundheit und Verhütung von Krankheit. Die Mikrobiologie in unseren Leitungen hat dreieinhalb Milliarden Jahre Evolutionserfahrung, sich an neue Umstände anzupassen. Dieser beeindruckenden Anpassungsfähigkeit müssen wir Rechnung tragen. Bestimmt wird es in der Zukunft technische Lösungen geben, um diesen Widerspruch zu lösen, ohne zum Beispiel das Trinkwasser chemisch zu beeinflussen. Für die aktuelle Installationsweise sehe ich das aber noch nicht.

Wie sind aus dieser Sicht die Frischwasserstationen zu beurteilen?
Frischwasserstationen haben wie alle Systeme bestimmte Vor- und Nachteile. Bezüglich Mikrobiologie ist positiv, dass bei dezentralen Installationen weniger Leitungsmeter verbaut werden müssen. Problematisch ist hingegen der Umgang mit den Temperaturen. Die Stationen erwärmen das Wasser nicht hoch genug, und das Leitungssystem nach der Station wird gerne ausgeblendet. 

Im Februar wurde bekannt, dass sich die Zahl der gemeldeten Legionellenfälle in der Schweiz über die letzten zehn Jahre mehr als verdoppelt hat. Die Dunkelziffer liegt noch viel höher. Weshalb ist dem so?
Die Legionellen gedeihen überall, wo es warm und feucht ist. Relevant sind dann Umgebungen, in denen sich Aerosole bilden. Dazu gehören neben Duschen oder Whirlpools auch Kühltürme, Verdunstungsrückkühler, Klimaanlagen oder bspw. Kompostanlagen. Die publizierten Fallzahlen stellen die Summe aller gemeldeten schweren Infektionen dar. Die Rückverfolgung vom Patienten zur Kontaminationsquelle ist enorm schwierig und aufwendig. Wie die steigenden Fallzahlen zu interpretieren sind und wie man diese angeht, möchte ich nicht kommentieren. Diese Diskussion überlasse ich den Experten des BAG, also den Epidemiologen. 

Wenn wir die medizinische Dimension jetzt mal weglassen: Was ist baulich möglich?
Bei der Prävention können wir viel machen. Legionellen gehören zu den am besten untersuchten krankheitserregenden Mikroorganismen. Wir wissen bereits sehr viel über ihr Verhalten in Trinkwasserverteilsystemen. Es gibt weltweit zahlreiche Fachartikel und Publikationen dazu. Das Wissen ist also vorhanden, wir müssen es nur nutzen.

Ein wichtiges Element für die Qualitätssicherung und die Hygiene sind Wasserproben. Wie beurteilen Sie hier die aktuelle Lage?
Generell ist eine umfassende Beprobung von Verteilsystemen in Gebäuden aus mehreren Gründen schwierig. Derzeit fehlen schlicht die Laborkapazitäten, und in der Schweiz hat man sich noch nicht auf ein einheitliches Vorgehen bei der Probenahme geeinigt.

«Wer einen Legionellenbefall festgestellt hat, darf ihn nicht halbherzig bekämpfen oder gar ignorieren.»

Auch mit Blick auf die mikrobiologischen Nachweisverfahren besteht ein Weiterentwicklungsbedarf. Zudem ist die Rechtslage mit Blick auf den privaten Gebäudebereich sehr komplex. Was bleibt, ist die Prävention. 

Prävention ist hilfreich, aber zuweilen ist die Installation schon von Legionellen befallen. Was empfehlen Sie für diesen Fall?
Ein Befall ist kein Drama, sondern ein Problem, und Probleme sind zum Lösen da. Man muss diesen Weg aber konsequent verfolgen. Wer einen Befall festgestellt hat, darf ihn nicht halbherzig bekämpfen oder gar ignorieren. Je nach Intensität des Befalls können unterschiedliche Massnahmen zum Einsatz kommen. Noch wichtiger als die Beseitigung der Symptome ist aber das Finden und Eliminieren der Ursache.

«Generell ist eine umfassende Beprobung von Verteilsystemen in Gebäuden aus mehreren Gründen schwierig.»


Zur Person
Stefan Kötzsch ist Ingenieur für biologische Verfahrenstechnik und Senior wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Gebäudetechnik und Energie (IGE) der Hochschule Luzern (HSLU) und der Wasserforschungsanstalt Eawag. Von 2012–16 leitete er das Projekt «Materialien in Kontakt mit Trinkwasser (MKT)». Darin wurden die Trinkwasser-Verteilsysteme in Gebäuden und mögliche Präventionsmassnahmen untersucht.

Neue Verordnung
Seit dem 1. Mai 2017 gilt das revidierte Lebensmittelgesetz (LMG). Im Zug der Revision wurden auch die Lebensmittelverordnung (LGV) sowie die neue Trink-, Dusch- und Badewasserverordnung (TBDV) in Kraft gesetzt.
Die Rechtsgrundlagen sind zugänglich über www.admin.ch (Bundesrecht > Systematische Rechtssammlung > Suchbegriff «LMG» respektive «TBDV»).

Weitere Informationen:
www.hslu.ch/zig/