V.l.n.r.: Dominik Spycher, Abteilungsleiter für berufliche Weiterbildung am Bildungszentrum für Technik (BZT) in Frauenfeld; Pius Nauer, Stv. Direktor und Leiter für Elektro- und Kommunikationstechnik an der Schweizerischen Technischen Fachschule Winterthur (STFW); Oliver Müller, Geschäftsführer des Schweizerischen Instituts für Unternehmensschulung (SIU); Erich Meier, Bildungsgangleiter für Energie und Umwelt bzw. Energietechnik an der ABB Technikerschule (ABBTS); Prof. Dr. Urs Röthlisberger, Weiterbildungsleiter des Instituts für Elektrotechnik an der Hochschule Luzern (HSLU).

(Bild: gettyimages.ch)

Dranbleiben!

Die Coronakrise stellt nicht nur Unternehmen vor ungeahnte Herausforderungen, sondern auch Anbieter von Fortbildungsangeboten. Schweizer Weiterbildungsinstitutionen schaffen ein aktuelles Stimmungsbild und werfen einen Blick in die Zukunft.*

Welche Bedeutung hat die berufliche Weiterbildung in Krisenzeiten?

Dominik Spycher: In Zukunft wird es immer wichtiger werden, dass Berufsleute eine berufliche Weiterbildung absolvieren. In Krisenzeiten wird die Weiterbildung zusätzlich gestärkt, weil man als Mitarbeitende/r dadurch seine Position im Unternehmen stärken kann. Unternehmen müssen bezüglich Weiterbildung azyklisch denken. Die Krisenzeit ist genau der richtige Zeitpunkt, die Mitarbeitenden weiterzubilden, da die Arbeitsbelastung geringer ist und daher zeitliche Ressourcen vorhanden sind.

Pius Nauer: Besonders in Krisenzeiten ist die Weiterbildung eine der besten Investitionen für die Zukunft. Sie setzt persönliche Ziele und motiviert. Ausserdem schafft eine Weiterbildung zusätzliche Perspektiven für die Zeit nach der Krise.

Olliver Müller: In diesen Zeiten lohnt sich eine berufliche Weiterbildung umso mehr. Unternehmen brauchen Nachwuchs im Kader – besonders in solchen Krisen. Eine Weiterbildung bringt frischen Wind und neue, innovative Ideen ins Unternehmen. Dadurch wird auch die Motivation der Mitarbeitenden gestärkt. Vielleicht haben einige gerade jetzt auch Zeit, eine Weiterbildung zu absolvieren. Eine Weiterbildung ist immer eine langfristige Investition und lohnt sich auf jeden Fall.

Erich Meier: Die Pandemie stellt die Flexibilität jedes Einzelnen auf die Probe und fordert uns alle. Die Digitalisierung wurde durch die Krise eindrücklich beschleunigt und rückt die Notwendigkeit von lebenslangem Lernen ins Zentrum. Die Entwicklung im technischen Bereich ist dermassen rasant, dass der Fachkräftemangel ein ernsthaftes Problem darstellt. Um am Ball zu bleiben und sich die notwendigen Fach- und Methodenkompetenzen anzueignen resp. auszubauen, bietet die berufliche Weiterbildung aus meiner Optik wertvolle Zukunftsaussichten.

Urs Röthlisberger: Im Fachbereich Elektrotechnik und Informationstechnologie ist eine kontinuierliche Weiterbildung unglaublich wichtig, um die weltweiten technologischen Neuerungen nutzen zu können. So können neue Methoden und Komponenten genutzt werden, um neue Produkte zu entwickeln, bestehende zu verbessern und deren Herstellung preiswerter zu machen. In Krisenzeiten sind Mitarbeiter mit solch aktuellem Know-how für die Unternehmen überlebenswichtig, um in den sich verändernden Märkten zu bestehen. Für die Mitarbeiter bedeutet das eine sehr grosse Job-Sicherheit und mehr Freiheit auf dem Stellenmarkt.

Verzeichnen Sie aufgrund der Coronapandemie einen Rückgang bzw. eine Zunahme der Studien-, Lehrgangs- oder Kursanmeldungen?

D. Spycher: Wir haben in unserem Lehrgang zum Teamleiter mit EIT.swiss-Zertifikat, welcher im Herbst 2020 gestartet ist, eine starke Zunahme erlebt. Es ist schwierig, abzuschätzen, aufgrund welcher Faktoren diese Steigerung zu Stande gekommen ist. Die Weiterbildung zum Teamleiter wurde innerhalb der Branche gestärkt, was bei der Entscheidung vieler Teilnehmer sicherlich eine Rolle gespielt hat.

P. Nauer: Bei Kurz- und Tageskursen verspüren wir keine Änderung der Nachfrage. Sie werden auch, sofern es möglich ist, im Präsenzunterricht durchgeführt. Bei Lehrgängen verzeichnen wir jedoch momentan einen Rückgang der Nachfrage. Die Gründe sind unterschiedlich. Einige sind in dieser «unsicheren» Zeit ein wenig zurückhaltender mit ihren Weiterbildungsplänen. Andere verzichten auf eine Anmeldung, weil die Angst vor einem coronabedingten Lehrgangsabbruch besteht. Diese Angst ist jedoch unbegründet, da das oberste Ziel der STFW eine optimale und termingerechte BP- und HFP-Vorbereitung der Studierenden ist. Die Durchführung des Unterrichts und eine optimale Vorbereitung sind somit garantiert.

O. Müller: Unsere Anmeldungen blieben glücklicherweise stabil. Im Durchschnitt konnten wir sogar leicht zulegen. Wir denken, dass sich während der Pandemie viele Personen grundlegende Gedanken auch zur Weiterbildung gemacht haben und nun lang gehegte Absichten umsetzen. Mit unserem zukunftsweisenden Unterrichtsmodell waren wir schon vor der Krise bereit und scheinen den Nerv der Zeit getroffen zu haben.

E. Meier: Das Jahr 2020 war auch an unserer Bildungsinstitution durch Unsicherheiten geprägt, die Pandemie stellte viele Pläne auf den Kopf. Wir spürten vor allem zu Beginn der Pandemie bei den Bildungsinteressierten eine gewisse Zurückhaltung, eine mehrjährige Weiterbildung in Angriff zu nehmen. Andere nutzten die ausserordentliche Zeit, sich Gedanken über die Zukunft zu machen und sich mit beruflichen Weiterbildungsmöglichkeiten auseinanderzusetzen.

U. Röthlisberger: Aufgrund der Coronapandemie ist an unserer Fachhochschule vorerst keine wesentliche Veränderung bei den Kursanmeldungen festzustellen, zumal solche Weiterbildungen meist langfristig geplant werden. Nur vereinzelt gab es Abmeldungen durch Fachleute, die für das Krisenmanagement in ihrer Firma kurzfristig unabkömmlich waren. Bisher ist noch kein antizyklisches Verhalten in der Weiterbildung zu erkennen, wie dies bei bisherigen Krisen üblich war.

Wie haben Sie Ihr Bildungsangebot an die Krisensituation angepasst?

D. Spycher: Die Planung der Lehrgänge und Angebote ist ein langwieriger Prozess, der nicht kurzfristig angepasst werden kann. In der beruflichen Weiterbildung hat sich aus aktuellem Anlass trotzdem etwas gravierend geändert: Der Unterricht wird nicht mehr als Präsenzveranstaltung durchgeführt, sondern findet über MS Teams als Fernunterricht statt. Dies ist sowohl für die Studierenden als auch für die Dozenten eine grosse Herausforderung.

P. Nauer: Die Kurz-, Tages- und Firmenkurse mussten ausgesetzt werden. Die STFW stellte im März 2020 auf den Fernunterricht um. Sämtliche Lehrgänge konnten so weitergeführt werden. Die Kursteilnehmer waren glücklich, dass die Weiterbildung nicht unterbrochen werden musste. Durch eine im Sommer durchgeführte Befragung wissen wir, dass der Fernunterricht gut bis sehr gut ankam. Der Grossteil der Teilnehmer freut sich jedoch wieder auf den Präsenzunterricht. Ein gutes Lernklima ist auch abhängig von persönlichen Kontakten.

O. Müller: Unsere Lehrgänge Elektroprojektleiter/-in sowie dipl. Techniker/-in HF Elektrotechnik werden bereits seit rund vier Jahren in der revolutionären Unterrichtsform «high-voltage-learning» durchgeführt. Dies ist eine Kombination von physischem Präsenzunterricht, Lernvideos und Online-Unterricht. Dadurch ermöglichen wir eine hohe Flexibilität wie auch eine enge Begleitung. Zu Zeiten des Verbots von Präsenzunterricht fällt es uns deshalb leicht, den kompletten Unterricht online durchzuführen. Unsere Studierenden waren bereits an diese Unterrichtsform gewöhnt. Auch unsere Dozierenden hatten bereits viele Erfahrungen und konnten ihre Lerninhalte rasch umstellen.

E. Meier: Aufgrund der BAG-Restriktionen unterrichten wir seit November wieder grundsätzlich im Online-Format. Im Gegensatz zum Frühling 2020 lassen die Verordnungen spezifische Ausnahmen zu und es ist erlaubt, Praktika und Laborübungen vor Ort unter Einhaltung des Schutzkonzeptes durchzuführen – praktisches Arbeiten spielt an unserer Bildungsinstitution eine tragende Rolle. Die soziale Komponente und die Interaktion sowie der Erfahrungsaustausch zwischen den Studierenden und Dozierenden erhalten bei physischer Distanz einen anderen Stellenwert. Wir machten die Erfahrung, dass es anspruchsvoll ist, Online-Lektionen spannend zu gestalten und die Studierenden individuell abzuholen.

U. Röthlisberger: Das Weiterbildungsangebot wurde so weit wie möglich auf online umgestellt, das heisst, der Frontalunterricht erfolgt audiovisuell. Es werden zudem vermehrt Simulationstools genutzt, und einige Versuchslabors sind für die Studierenden inzwischen vollständig fernsteuerbar und audiovisuell überwachbar. Unsere Studierenden schätzen die angepassten Unterlagen, die neuen Simulations- und Emulationstools, das Wegfallen der Anreise und oft auch die Aufzeichnungen des Unterrichts. Natürlich vermissen sie den sozialen Kontakt und die zusätzliche Vernetzung untereinander. Die Dozenten kompensieren die genannten Effekte, so gut es geht, mit viel mehr explizit eingebauten Interaktionen wie Quizaufgaben und Gruppenarbeiten.

Welche Neuigkeiten erwarten Weiterbildungsinteressierte in 2021 an Ihrer Schule?

D. Spycher: Die berufliche Weiterbildung wird in Zukunft einen immer grösseren Stellenwert erhalten. Bei uns am Bildungszentrum für Technik in Frauenfeld wollen wir dieser Entwicklung Rechnung tragen und unser Angebot kontinuierlich ausbauen. Die Absolventen einer EFZ-Ausbildung sollen bei uns die Möglichkeit haben, sich beruflich weiterzubilden. Aus diesem Grund werden wir ab August 2021 weitere Lehrgänge anbieten, die zu einem Abschluss als Diplomierten Techniker HF führen.

P. Nauer: Neben den grossen Fortschritten in der Digitalisierung nutzen wir die Zeit, bestehende Angebote zu reflektieren und die Erkenntnisse in Verbesserungen einzubringen. Bei der Berufsprüfung zum Projektleiter Installation und Sicherheit bieten wir neu den Kursteilnehmern nach Abschluss des Lehrganges bis zur EIT.swiss-Prüfung eine begleitende Vorbereitung an. Sie ist für alle Teilnehmer des STFW-Lehrganges kostenlos und kann beliebig oft besucht werden. Zudem bieten wir ab Frühling 2021 den Lehrgang Projektleiter Installation und Sicherheit auch im Fernunterricht an. Ein durchdachter Mix aus Fern- und Präsenzunterricht (60% / 40%) sorgt dafür, dass in der Qualität des Unterrichtes keine Abstriche gemacht werden müssen.

O. Müller: Wir werden alle unsere Dozierenden im Jahr 2021 noch stärker auf den Online-Unterricht vorbereiten und ihre didaktischen Fähigkeiten in diese Richtung stärken. Uns ist es wichtig, dass die Qualität auch im Online-Unterricht gleich hoch bleibt und unsere Studierenden ihre Ziele erreichen können. Deshalb investieren wir viel in die Ausbildung der Dozierenden.

E. Meier: Mit Online-Unterricht und Distance Learning konnten die Dozierenden wertvolle Erfahrungen sammeln. Nun gilt es, diese Erfahrungen mit verschiedenen Lehr- und Lernformen auch in die zukünftige Unterrichtsgestaltung zu implementieren. Wir möchten die Vorteile beider Unterrichtsformen – virtuell und Präsenzveranstaltungen – in Zukunft nutzen, um die Studierenden möglichst gut auf die zukünftigen Herausorderungen der Arbeitswelt vorzubereiten.

U. Röthlisberger: Wir bieten immer wieder neue, aktuelle Weiterbildungen an, z. B. in der Energie­produktion, -verteilung und -nutzung. Das Angebot reicht von Smart Grid bis zum Ge-bäude im System, wo intelligente Systeme erneuerbare Energien nutzen, deren Verbrauch minimieren und vieles durch Auto-matisierung optimieren. Aber auch in Bereichen wie Machine Learning, IoT, Embedded Systems oder Vernetzung (5G) bilden wir un­sere Studierenden weiter.


*Der Artikel widerspiegelt die Situationan den Weiterbildungsinstitutionen Anfang Januar 2021.