E-Mobilität

Die E-Tankstelle zu Hause

Das neue Elektroauto ist bestellt, jetzt muss nur noch die Lade-station installiert werden. Was Hauseigentümer einen Anruf beim Elektroinstallateur kostet, kann für Mietende und Stockwerk-eigentümer kompliziert werden. Technisch machbar ist aber fast alles.

In der Schweiz waren 2021 gemäss Angaben des Bundesamts für Statistik (BFS) fast 4,7 Millionen Personenfahrzeuge gemeldet. Und auch wenn die Werbung anderes suggeriert, ist die ganz grosse Mehrheit davon mit traditionellen Verbrennungsmotoren unterwegs: Knapp 65 Prozent sind Benziner, etwa 29 Prozent Dieselfahrzeuge. Nur rund 70 000 Privatfahrzeuge oder 1,5 Prozent des gesamten Fahrzeugbestands waren reine Stromer, 4,5 Prozent waren Hybrid- oder Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge. Immerhin: Die Tendenz ist steigend. Verglichen mit 2019 hat sich zum Beispiel die Zahl der reinen Stromer mehr als verdoppelt. Mit jedem verkauften Elektroprivatfahrzeug steigt auch die Zahl der dazu gehörigen Ladestationen, meist in Form sogenannter Wallboxen, die an der eigenen Garagenwand installiert werden – denn niemand würde sich darauf beschränken wollen, seinen Wagen ausschliesslich an öffentlichen Ladestationen mit Strom zu betanken. Bei Neubauprojekten ist die private Elektromobilität bereits jetzt ein gängiges Thema; die Grundinstallation für Ladestationen – die elektrische Erschliessung vom Netz zu den Parkplätzen – wird oft fest eingeplant. Anders ist die Situation bei den vielen Bestandsbauten, die vor dem Elektro-Boom entstanden sind. Hier muss in aller Regel nachgerüstet werden.

Fast bewilligungsfrei

In den allermeisten Kantonen braucht es generell keine Baubewilligung, um bestehende Privatparkplätze mit Ladestationen auszurüsten. Ausnahmen sind unter anderem die Kantone Freiburg und Zürich, wobei der Zürcher Kantonsrat im Januar dieses Jahrs beschloss, dies zu ändern. Zwingend nötig ist hingegen, dass der Installateur dem regionalen Netzbetreiber die neue Ladeinfrastruktur mit einer Installationsanzeige meldet. Es lohnt sich zudem, die Möglichkeit von Fördermassnahmen abzuklären. Verschiedene Kantone gewähren generell für Elektrofahrzeuge Boni auf die kantonale Motorfahrzeugsteuer. Einige Kantone und Gemeinden sprechen gar Fördergelder für den Einbau der Grundinstallation oder von Lade-stationen.

Kein privates Laderecht

Eigentümer von Einfamilienhäusern sind in der glücklichen Lage, jederzeit eine Heimladestation für ihr Elektroauto einbauen lassen zu können. Komplizierter wird es, wenn Stockwerkeigentümer oder Mieter eine Ladestation installieren wollen. Denn anders als zum Beispiel in Deutschland besteht in der Schweiz kein «Recht auf Wallbox». «Miteigentümer benötigen eine vorgängige Einwilligung der Miteigentümergemeinschaft», sagt Annekäthi Krebs, Juristin beim Hauseigentümerverband (HEV) Schweiz. Bei baulichen Massnahmen im Miteigentum unterscheidet man zwischen notwendigen, nützlichen und luxuriösen Massnahmen. Nach Einschätzung des HEV Schweiz fallen Grundinstallation und Wallboxen derzeit in die Kategorie der nützlichen Massnahmen, die einer Wertsteigerung oder Verbesserung der Gebrauchsfähigkeit der Sache dienen. «Dies bedeutet, dass für den Einbau einer Ladestation ein qualifiziertes Mehr nötig ist: eine Mehrheit der Köpfe und eine Mehrheit der Wertquote», so die Juristin. Oft gehe es bei Diskussionen um die Art des Ausbaus: Geht es nur um eine einzige Ladestation oder soll gleich die Grundinstallation für die ganze Immobilie verbaut werden? «Das ist einerseits eine finanzielle Überlegung, andererseits auch eine Frage des Bedarfs und der Zukunftsfähigkeit», sagt Annekäthi Krebs, «denn mehrere Ladestationen sind in der Regel ohne eine Grundinstallation nicht zu betreiben.»

Vereinbarungen treffen

Für Mietende führt der Weg zur Heimladestation unweigerlich über die Vermieterschaft. Ist diese nicht bereit, dem Ausbau zuzustimmen, dürfen Mietende keine Ladestationen installieren, auch nicht auf eigene Kosten. Für den Strombezug ist ebenfalls ein schriftliches Einverständnis nötig, idealerweise in Kombination mit den Verrechnungsmodalitäten. Zu diskutieren ist, so der Mieterinnen- und Mieterverband Schweiz (MV), vorab auch die Frage, was nach einem Auszug der Mietenden mit der Wallbox geschieht. Muss sie rückgebaut werden? Geht sie gegen eine entsprechende Entschädigung in den Besitz der Vermieterschaft über? Und für die Mietenden stellt sich schliesslich die Frage, ob die Installation auf ihre Kosten oder jene der Vermieterschaft erfolgen soll. Letzteres könnte sie zu einer Mietzinserhöhung berechtigen, so der MV, da es sich grundsätzlich um eine wertvermehrende Investition handelt.

Die richtige Wallbox

Zwar ist es theoretisch möglich, ein Auto über eine Haushaltssteckdose zu laden. Ratsam ist es allerdings nicht. Zum einen würde die Ladedauer 20 und mehr Stunden betragen. Zum anderen sind Haushaltssteckdosen und die damit verbundenen Stromleitungen nicht auf solche Lasten ausgelegt und könnten bei Überlastung erhebliche Schäden verursachen. Ladestationen hingegen sind Starkstromanlagen, die für hohe Stromlasten ausgelegt sind. Deren fachgerechte Installation ist deshalb auch Sache eines Elektroinstallateurs. Es gibt sie als Wallboxen oder als frei stehende Ladesäulen. Letztere sind im privaten Bereich jedoch kaum verbreitet, weil die sichere Verkabelung aufwendiger ist und die Säulen Platz beanspruchen, den es in privaten Garagen und Tiefgaragen meist kaum gibt. Unterschieden wird zwischen ein- und dreiphasigen Ladestationen. Erstere bringen eine Leistung von

3,6 kW bei einer Stromstärke von einmal 16 A. Dreiphasige Ladestationen haben eine Ladeleistung von 11 oder 22 kW bei dreimal 16 A oder 32 A. Dreiphasige Ladestationen «betanken» ein Elektroauto demnach schneller. «Allerdings können Hybridfahrzeuge aufgrund der verbauten Technik im Auto mehrheitlich nur einphasig geladen werden», sagt Giuseppe Olivito, Leiter Elektromobilität bei EKZ Eltop. «Es ist für Hauseigentümer in solchen Fällen also wenig sinnvoll, sich eine dreiphasige Ladestation zu kaufen. Denn das Ladekabel lässt sich zwar anschliessen, liefert aber trotzdem nur 3,7 kW.» Eine weitere Entscheidungshilfe beim Beschaffen der idealen Ladestation stellt die Bezügersicherung der jeweiligen Liegenschaft. Olivito: «Eine Ladestation mit 22 kW und 32 A ist überdimensioniert, wenn die Bezügersicherung zum Beispiel nur auf 25 A dimensioniert ist.» Diese liesse sich natürlich austauschen, so der Experte, doch die Aufwände mit den Bewilligungsverfahren und allfälligen Netzverstärkungen stünden dann in einem ungünstigen Verhältnis zu den Initialkosten.

Fast normierte Stecker

Wallboxen können mit fest verbauten oder abnehmbarem Ladekabel gekauft werden. «Beide Varianten haben Vor- und Nachteile», sagt Olivito. «Die abnehmbare Variante ist flexibler in der Wahl der Kabellängen und falls in Zukunft neue Steckertypen autoseitig auf den Markt kommen sollten. Dafür muss man bei der fest verbauten Variante ein zusätzliches Kabel kaufen, damit man bei Bedarf auch unterwegs laden kann.» Apropos Stecker: Diese sind in Europa quasi normiert, über 90 Prozent der Hersteller benutzen einen Typ-2-Stecker mit einer abgeflachten Seite. Der gänzlich runde Typ-1-Stecker wird nur noch von einigen asiatischen Herstellern verwendet. Für Schnellladungen im öffentlichen Bereich gelten andere Stecker-normen. Da ist im Vorfeld auch die Ladeleistung des Fahrzeugs zu klären, denn diese hat grossen Einfluss auf die Ladezeit beim schnellen Laden.

Der Weg zum Strom

Ist die Installation einer Ladestation im Einfamilienhaus in der Regel unkompliziert, bezeichnet Giuseppe Olivito das Ausrüsten von Garagenplätzen bei Mehrfamilienhäusern als eine eigene Welt – die Welt der Spezialisten. Eine der Herausforderungen für den Installateur sei der Weg vom Stromverteiler der Liegenschaft zu den Parkplätzen. «Nicht immer befinden sich die Technikräume in der Nähe der Garagen», sagt Olivito. «Gerade bei Terrassenhäusern kann es passieren, dass er sich in einem Zwischengeschoss befindet. Dann müssen wir mit den Kunden die Leitungsführung detailliert anschauen, damit der Einbau mit möglichst wenig Arbeits- und Kostenaufwand ausgeführt werden kann.»

Intelligentes Lademanagement

Zwar seien die Ladebedürfnisse und technischen Beschränkungen der einzelnen Parteien identisch mit denen eines Hauseigentümers. «Allerdings gibt es nur einen Hausanschluss für alle Parteien», so Olivito, «und nicht einen Hausanschluss pro Parkfeld.» Meistens ist die bestehende Anschlussleistung in einem Mehrfamilienhaus nicht darauf ausgelegt, mehrere Elektrofahrzeuge gleichzeitig aufzuladen. Die Leistung des Netzanschlusses zu erhöhen, ist zwar möglich, aber kostspielig. «Um Überlastungen zu vermeiden, braucht es ein intelligentes Lademanagement, das mit den Ladestationen kommuniziert und die freien Kapazitäten der Liegenschaft je nach Bedarf verteilt», erklärt der Experte. Ein solches intelligentes Lademanagement erlaubt es auch, den Ertrag eventuell vorhandener Photovoltaikanlagen in das System einzubinden. Abgerechnet wird natürlich individuell. Dadurch, dass in Mehrfamilienhäusern verbaute Wallboxen vor dem Laden meist über eine App oder eine RFID-Schlüsselkarte freigeschaltet werden müssen, ist dies problemlos möglich, benötigt jedoch im Vorfeld eine kompetente Beratung vom Spezialisten, damit alle rechtlichen Aspekte berücksichtigt werden. Zudem wird auf diese Weise auch sichergestellt, dass nicht plötzlich jemand sein neues Elektroauto an den Ladestationen der Nachbarn auflädt