Stromerzeugung

Der Schweizer Hersteller Meyer Burger trat prominent mit einem eindrücklichen Programm an Hochleistungsmodulen auf. (Foto: Reto Miloni)

China drängt mit leistungsfähigen Stringwechselrichtern auch in europäische Märkte. (Foto: Reto Miloni)

Stringspannungen bis 1500 Volt senken die Installationskosten markant. (Foto: Reto Miloni)

Approach eines Systemherstellers zur Ballasteinsparung. (Foto: Reto Miloni)

Modulwachstum und Unterkonstruktionen sind vom Innovationsgrad her schlecht aufeinander abgestimmt. (Foto: Reto Miloni)

Wird der Markt schillernd-rote Solar-Biberschwanzziegel akzeptieren? (Foto: Reto Miloni)

Im Portfolio des viertgrössten Wechselrichter-Herstellers Fimer figurieren neu auch Ladestationen und Speicherysteme. (Foto: Reto Miloni)

SolarEdge bietet neben Power Optimizern und Wechselrichtern ein Rundum-Sorglos-Paket für Energiegewinnung, Monitoring, Optimierung und Speicherung. (Foto: Reto Miloni)

Die Angebotsvielfalt bei E-Ladestationen steigt rasant. (Foto: Reto Miloni)

Volvo gewährt Einblick in die für die E-Mobilität vollkommen neu konstruierte Bodengruppe … (Foto: Reto Miloni)

... und präsentiert die neusten vollelektrischen Modelle. (Foto: Reto Miloni)

Erfahrung in der Batterie-Herstellung nutzt Leclanché mit modular aggregierbaren Speicher-Containern. (Foto: Reto Miloni)

Bench Marking bei Solarmodulen: Die Latte liegt bereits bei 710 Watt. (Foto: Reto Miloni)

Wettlauf um Technologieführerschaft bei Klimaschutz und Erneuerbaren

Messe-Rückblick: Intersolar 2021 in München: Während in Deutschland der Ausstieg aus Kohle- und Atomkraft beschlossene Sache ist und in den Koalitionsgesprächen für eine neue Bundesregierung die Legislaturziele noch heiss diskutiert werden, machte die nach 18 Monaten «Corona-Pause» erstmals wieder in München stattfindende Messe «Intersolar» klar: Deutschland strebt die Technologieführerschaft bei Klimaschutz und Erneuerbaren an.

Steigende Modulpreise, Modulknappheit sowie Lieferschwierigkeiten bei vielen Materialien zeigen in Verbindung mit hohen Transportkosten und einem Day-Ahead-Preis für 44 Euro-Cent pro Kilowattstunde im deutschen Strommarkt, dass Investitionen in leistungsfähigere Module, Wechselrichter, Speichersysteme, Energiemanagementsysteme eine rosige Zukunft winkt. Während Stromrationierungen und Logistikprobleme viele Hersteller in Fernost zu Produktionseinschränkungen zwangen, nutzen europäische Systemanbieter die entstehenden Lieferverzögerungen geschickt durch ambitionierte Marketingauftritte an der Intersolar.

Europa schliesst auf
Die als «Restart 2021» geplante 30-ste Jubiläumsausgabe der Intersolar brachte als «abgespeckte» Version der Messe «The Smarter E» die Gesichter der Photovoltaik-Industrie mit 456 Ausstellern und rund 26'000 Fachbesuchern zusammen. Im verkleinerten Pulk von Herstellern, Zulieferern, Händlern und Dienstleistern bleibt die Intersolar München nach wie vor die wichtigste Branchenplattform der Solarwirtschaft. In auffallender Weise begannen sich die Reihen europäischer Modul- und Wechselrichterhersteller in München zu schliessen: Man will an die Anfänge des weltweiten PV-Booms anknüpfen und wieder «auf Augenhöhe» mit Systemanbietern aus Fernost aufschliessen: Dabei nutzen Firmen wie Meyer Burger, Fimer, Delta oder Kostal geschickt die momentane Schwäche Chinas, um mit innovativen Produkten und höchster Qualität bedeutendere Rollen im Solarmarkt einzunehmen. Die Palette von Solarlösungen für private, gewerbliche und grosstechnische Photovoltaikanwendungen verbreiterte sich jedenfalls trotz weniger Ausstellern z.B. bei den Batteriesystemen und flexiblen Ladelösungen für Elektroautos. Auffallend war auch das praktische Fehlen der Solarthermie. Zusammen mit cloudbasierten Monitoring- und Integrationsmöglichkeiten mit Energiespeicherung wurden jedenfalls Mittel und Wege erkennbar, wie der CO2-Fussabdruck im Gebäudebereich und bei der Mobilität in Zukunft zu reduzieren sein wird.

Swiss made - via Sachsen nach Nordamerika und zurück
Die Schweiz wird sich als Industriestandort von diesem Wachstum wohl kaum fette Scheiben abschneiden, verlagerte doch der Thuner Maschinenbauer Meyer Burger seinen Produktionsstandort nach Sachsen in die ehemalige Produktionsstätte von Solarworld und plant sogar ein zweites Werk in USA. Erfreulicherweise werden dabei genau die am CSEM in Neuenburg entwickelten Modultechnologien auf Basis von PERC, HJT, Smartwire und Bifacialität produziert. Offensichtlich visiert man mit leichten monofazialen Hochleistungsmodulen mit bis zu 400 Watt Leistung in den Varianten weiss, schwarz oder Glas-Glas jene Kundenkreise an, denen europäische Produktion, Qualität und hohe Wirkungsgrade wichtiger sind als günstige chinesische Massenware. Bei Ausnutzung des bifazialen Effekts erreichen Glas-Glas-Module z.B. bei hellem Hintergrund dank Albedo-Effekt bis 430 Watt Leistung bei einem Gewicht von weniger als 20 Kilogramm. Interesse bei Meyer Burger erweckten zudem Photovoltaik-Dachziegel, die hohe Energieausbeuten versprechen und das Dachdecken vereinfachen sollen. Entwickelt haben ihn Ingenieure von Paxos und Meyer Burger, welche das patentierte Produkt 2022 auf den Markt bringen wollen.
Aufgefallen als Innovation aus der Schweiz ist die leistungsstarke Version «Le Bloc» des Energiespeicher-Lieferanten Leclanché aus Yverdon, welche dank Plug-and-Play-Verbindungen die Komplexität, Logistik, Installation und das Recycling stationärer Energiespeicherlösungen kostengünstig machen soll. Leclanché liefert seine proprietäre Lithium-Ionen-Batterie-Technologie samt in die Brennstoffzellenmodule integrierter Energiemanagementsoftware an ein bahnbrechendes Projekt der Canadian Pacific Railway für deren innovatives Wasserstofflokomotiven-Programm.

Nennleistungs- und Wirkungsgrad-Rekorde bei Modulen
«Les absents ont toujours tort» könnte man für die an der Intersolar durch Abwesenheit glänzenden Firmen wie Sharp, Hanwha Q Cells, Sunpower oder JinkoSolar sagen, welche sich auf Grund von Corona gegen eine Messpräsenz entschieden hatten. Dagegen fuhren nach dem Motto «Big ist beautiful» asiatiasche Grosskonzerne wie Longi, Trina, Bisol oder JA Solar ein eindrückliches Arsenal von Grossmodulen auf. Neu erreicht man mit monokristalline Siliziumwafern Wirkungsgrade bis 23 % und Modulleistungen von 710 Watt. Bei Wafer-Dimensionen von 210 mm Seitenlänge und phosphor-dotierten n-Type-Zellen entfällt der lichtinduzierte Degradations-Effekt (LID). Zudem erfreuen Grossmodule mit halbgeschnittenen oder Drittelzellen, Doppelglas und Rahmen ihre Kunden mittlerweile mit Leistungsgarantien für 30 Jahre. Dagegen tut sich die Modul-Unterkonstruktions-Branche im Objektbereich mit Modullängen über 2.20 Meter schwer - an der Messe war jedenfalls wenig Innovation bei Unterkonstruktionen erkennbar. Wenn man den Mehraufwand für Ballastierung, Logistik und Handhabung von Grossmodulen und die deutlich höheren Kosten berücksichtigt, ist unsicher, ob sich diese Grossmodultechnik - ausser bei Freiflächenanwendungen – bei Gebäudeanwendungen signifikant verbreiten wird.

99-Prozent-Inverter mit 1500 Volt-Technik
Leistungsstarke Wechselrichter erreichen mittlerweile Umwandlungswirkungsgrade z.B. bei der italienischen Fimer von bis zu 99 Prozent und Nennleistungen von 350 Kilowatt sind bei Multi-MPPT-Stringwechselrichtern keine Seltenheit mehr. Wechselrichterhersteller wie Growatt oder Delta passten ihre Systemarchitektur an den Trend zu Grossmodulen an, verfügen über mehr Tracker, «verdauen» Eingangsspannungen bis zu 1500 Volt und String-Eingangsströme von 16 Ampère. Neben leistungsstarken Wechselrichtern für Grossanlagen präsentierten Kaco, Huawei oder Solar Edge für das wichtige Segment von Kleinanlagen und komplexe Dachgeometrien kostengünstige einphasige Wechselrichter mit vielfältigen Schnittstellen zu Batteriespeichern, E-Ladestationen und Energiemanagementsystemen. Dass in der Schweiz marktführende Wechselrichterhersteller wie SMA oder Fronius an der Messe nicht präsent waren ist enttäuschend. Dagegen wurde der Eintritt der amerikanischen General Electric mit einem kompletten Wechselrichter-Programm positiv vermerkt, wo GE seine Technologieführerschaft bei komplexen Netzarchitekturen auch im Bereich der neuen Erneuerbaren unter Beweis stellen will.

Wasserstoff-Hype und Schenkeldruck wichtiger Verbände
Trotz den in Deutschland prall gefüllten Fördertöpfen spielte das Thema Wasserstoff gemessen an der Ausstellerzahl eine eher untergeodnete Rolle: nur wenige Ladesäulen Hersteller und Toyota mit dem neuen Modell Mirai waren dem Treibstoff Wasserstoff gewidmet. Verglichen mit den politischen Zusagen, den Milliarden-Förderungen und wahrscheinlich im Moment noch überzogenen Erwartungen an die Zukunft der Wasserstoff-Industrie erschien die «Sichtbarkeit» dieser klimaneutralen Zukunftstechnologie bescheiden.
Wichtige Verbände nutzten die Messe, um Forderungen an die neue deutsche Bundesregierung zu konkretisieren:

  • Der «Bundesverband Solarwirtschaft BSW-Solar» präsentierte eine „lange Wunschliste“, damit der Photovoltaik-Zubau in Deutschland stärker vorangeht.
  • Damit der Photovoltaik-Ausbau schneller, marktgerecht und günstig voran getrieben werden kann, veröffentlichte auch der «Bundesverband Neue Energiewirtschaft» ein Bündel von 35 Massnahmen, womit vor allem der Zubau von förderfreien Photovoltaik-Anlagen gestärkt werden soll.
  • Mit einem „Grünen-Wasserstoff Manifest“ stellten die Verbände Hydrogen Europe, Electrolyzer and Fuel Cell Forum sowie der Deutsche Wasserstoff- und Brennstoffzellen Verband ein Manifest mit zwölf Forderungen vor (vgl. Artikel auf gebäudetechnik.ch). Darin werden Regelungen zur Kennzeichnung der Produktionsart von Wasserstoff, eine europäische Wasserstoffbehörde und Ausnahmen zu Regeln der staatlichen Beihilfen in der EU gefordert.

Es wird aufschlussreich sein zu beobachten, inwiefern die Schweiz in der Anwendung dieser neuen Technologien eher die Rolle als Zuschauerin oder als aktive Mitgestalterin einer klimaneutralen Energiezukunft einnehmen wird.

* Autor: Reto Miloni ist dipl. Architekt ETH SIA, Swissolar-Profi, Minergie-Fachspezialist und Inhaber der auf Solaranlagen und Plusenenergie-Häuser spezialisierten Miloni Solar AG mit Sitz in Baden-Dättwil und Hausen AG.

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Energiewelt-Akteure trafen sich in München
Die neue Energiewelt nimmt europaweit Fahrt auf. Ihre Akteure trafen sich vom 6. bis 8. Oktober 2021 in München. Nach drei erfolgreichen Tagen zog «The smarter E Europe Restart 2021» eine positive Bilanz. Im Corona-bedingten kompakten Restart-Format war die Innovationsplattform der neuen Energiewelt ein voller Erfolg. Mit insgesamt über 450 Ausstellern, 45’000 Quadratmetern Ausstellungsfläche und rund 26’000 Besuchern aus 93 Ländern fand die Veranstaltung erstmals nach über zwei Jahren wieder statt.
The smarter E Europe 2022 findet mit ihren vier Einzelmessen (Intersolar Europe, ees Europe, Power2Drive Europe und EM-Power Europe) vom 11. bis 13. Mai 2022 auf der Messe München statt.

intersolar.de

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