Dr. Frank Kalvelage, ehemaliger Geschäftsleiter des energie-cluster.ch: «Der energie-cluster.ch ist gut gewappnet für die Zukunft.» (Bild: zVg)

Interview mit Dr. Frank Kalvelage, ehemaliger Geschäftsleiter des energie-cluster.ch

«Ob COVID-19 positiv zur Erreichung der CO2-Ziele wirkt, bleibt abzuwarten»

Dr. Frank Kalvelage war seit 2014 als Geschäftsleiter des energie-cluster.ch tätig. Unter seiner Führung fand ein Strategiewechsel weg vom Gebäude, hin zu Arealthemen statt: Von «Energie im und am Gebäude» hin zur Strategie mit den vier Kernbereichen «Intelligentes Gebäude», «Versorgung und Netze», «Mobilität» sowie «Disruptive Technologien». Im Gespräch gibt Kalvelage eine Rückschau auf sein Wirken.

Mehr als sechs Jahre lenkten Sie die Geschicke des energie-cluster. Welche Ereignisse werden Ihnen besonders in Erinnerung bleiben?

Da gibt es sehr viele. Inspirierend und ermutigend waren für mich immer die Innovationsgruppen. Sie zeigten, wie innovativ und kreativ die Schweiz ist. An den Sitzungen merkte man, dass wir eine echte Chance haben, die CO2-Neutralität zu schaffen. Die Coachings und Matchmakings waren auch immer etwas ganz Besonderes. Wo sonst hat man die Chance, das Entstehen von so viele Innovationen zu verfolgen und selbst einen technologieübergreifenden Beitrag daran zu leisten? Das ist der Aufgabenbereich, den ich am meisten vermissen werde.

Gab es auch schwierige Momente in Ihrer Zeit als Geschäftsleiter?

Die schwierigste Zeit war für mich mit Abstand das Geschäftsjahr 2017/2018: An der Mitgliederversammlung musste ich zum ersten und letzten Mal einen Verlust präsentieren. Im Vorstand fanden grosse Umwälzungen statt, der Präsident wechselte, auf der Geschäftsstelle gab es Fluktuationen bei den Mitarbeitern. Umso erfreulicher ist es aus heutiger Sicht, dass der Turnaround gemeinsam mit den Trägern, Partnern, Vorstand und ganz klar den Mitarbeitern geschafft wurde. Das ist vielleicht die schönste Erinnerung, die ich mitnehme.

Sie mussten bei Programm und Angebot auch Kurskorrekturen initiieren und umsetzen. Wie fanden Sie auf den richtigen Pfad? Wie liessen sich die Bedürfnisse der Mitglieder des energie-cluster.ch auf einen gemeinsamen Nenner bringen?

Kurskorrekturen waren meine stetigen Begleiterinnen. Der energie-cluster.ch ist kein Branchen- oder Technologieverband zur Verbreitung von Grundlagen oder Basisinformationen. Er ist ein Vermittler und eine Plattform für Innovationen. Was heute Innovation ist, kann morgen Stand der Technik sein, der einen grossen Erklärungs- und Schulungsbedarf auslöst. Somit ist es für eine vermittelnde Plattform ganz wichtig, dauernd am Puls der Zeit zu bleiben. Nur so schaffte es der energie-cluster.ch, einen Mehrwert für seine Mitglieder und Partner zu generieren.

Inputs für Veränderungen kamen aus vielen Richtungen: vorab den Innovationsgruppen, aber auch aus Gesprächen mit Partnern, Mitgliedern, im Vorstand, mit dem Präsidenten, den Technologievermittlern, aus dem Austausch mit Dritten an eigenen oder fremden Veranstaltungen Die Bedürfnisse liessen sich deswegen auf einen Nenner bringen, weil der energie-cluster.ch an seinen Werten in den Bereichen Innovationsförderung, Energieeffizienz, Erneuerbare Energien und Dekarbonisierung festgehalten hat. Und weil er auch bekräftigt hat, dass er keine bestimmte Technologie vertritt, sondern die beste Lösung für eine dekarbonisierte Welt sucht. Gewisse Mitglieder hat der Verein dadurch über die Zeit verloren, andere dafür hinzugewonnen. So bleibt man agil und ist offen für Neues.

Die Umsetzung der Klimaziele bedingt auf der einen Seite ein geeintes, koordiniertes Vorgehen. Auf der anderen Seite müssen Lösungen gefunden werden, die ganz bestimmten Situationen und Bedürfnissen zu entsprechen haben. Welche Rolle spielte und spielt der energie-cluster.ch bei der Vermittlung zwischen diesen potentiell widersprüchlichen Erfordernissen?

Durch die Konzentration auf das Wesentliche, damit meine ich grundsätzlich markttaugliche Innovationen. Nur dadurch kann der wirtschaftliche Erfolg der Mitglieder und folglich des Vereines gesichert werden. Der zweite wichtige Aspekt, dank dem der Verein seine Rolle spielen kann, ist die Fokussierung auf ein gemeinsames Ziel. Der energie-cluster.ch ist neutral und kann somit glaubhaft vermitteln, dass er kein Eigeninteresse hat. Stattdessen versucht er, die Entwicklung gemeinsamer Lösungen zu unterstützen. Gemeinsame Lösungen sorgen für eine breite Akzeptanz und gleiche Chancen für CO2-sparende Innovationen. So überkommt der energie-cluster.ch den genannten, eigentlich bloss scheinbaren Widerspruch problemlos und macht aus ihm eine Stärke.

Eine Funktion des energie-cluster.ch ist, wie bereits erwähnt, jene einer Plattform, die den Austausch ermöglicht. Hat sich diese Plattformfunktion während Ihrer Amtszeit verändert?

Einerseits sehr stark, andererseits überhaupt nicht. In der Vergangenheit war der energie-cluster.ch eines der wenigen Technologienetzwerke, an die sich Firmen für Unterstützung wenden konnten. Heute übernehmen staatliche Innovationsorganisationen, teils auch Branchenverbände diese Rolle.

Wenn es aber darum geht, ein technologieoffenes, technologieübergreifendes, neutrales, Fachnetzwerk zu unterhalten, das speziell auch von KMU genutzt werden kann, ohne grossen bürokratischen Aufwand im Vorfeld, ist der energie-cluster mit seinen Angeboten und Experten einzigartig. Das ist und bleibt sein Unique Selling Point.

Wie sieht Ihre Zukunft aus? Werden wir Sie auch künftig auf dieser Plattform antreffen?

Ja, man wird mich definitiv auf dieser Plattform antreffen. Ich lebe die Zukunft: Beim energie-cluster.ch habe ich Projekte, Technologien und Firmeninnovationen unterstützt, mit denen sich CO2 einsparen lässt. Damit werde ich mich weiterhin auseinandersetzen, wenn auch in einer anderen Rolle: Jetzt entwickle und produziere ich bei der Firma Logic.Swiss Produkte, die genau dies tun. Somit war mein Wechsel eine natürliche Entwicklung.

COVID-19 beeinträchtigt unser Leben und leistet mitunter einen unerwarteten Beitrag an die Reduktion der CO2-Emissionen. Können wir diese Pandemie bei der Verfolgung der Klimaziele auch im positiven Sinne nutzen?

Ob COVID-19 einen positiven Beitrag zur Erreichung der CO2-Ziele darstellt, bleibt abzuwarten. Ob diese Pandemie eine Chance darstellt oder nicht, liegt am Fokus jedes Landes und Region, etwa bei den aufgesetzten Förderprogrammen. Werden stark CO2 emittierende Unternehmen mit herkömmlichen Produkten unterstützt, in der Hoffnung, Arbeitsplätze zu erhalten? Oder wird dieses Geld verwendet, um in Innovationen, Technologien von morgen, also CO2-sparende Massnahmen zu fördern, um für die Zukunft gewappnet zu sein? Das Geld kann nur einmal ausgegeben werden. Somit entscheidet sich jedes Land, jede Region und letztendlich jeder von uns, ob man Chancen aus dieser Pandemie ableiten kann. Hoffen wir, dass die Bevölkerung den Politkern die richtige Richtung vorgibt.

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