Wärmetechnik

Das Multi-Stage Stimulationssystem der Geo-Energie Suisse AG bezweckt die Optimierung der Reservoireffizienz, der Projektwirtschaftlichkeit und die Minimierung des seismischen Risikos. (zVg)

Das Pilotprojekt in Haute-Sorne (JU) wird durch die Gesellschaft Geo Energie Suisse SA durchgeführt.

Links zerklüftete Gesteinsstrukturen nach dem klassischen Verfahren. Mit der Zunahme der an einer Stelle stimulierten Gesteine, steigt das Risiko der Erschütterungen. Rechts das Multi-Stage-Stimulationsverfahren. Entlang von Öffnungen in einem schlussendlich horizontal geführten Bohrlochs werden sukzessive Dutzende Teilbereiche im Gestein stimuliert.

Schnitt durch die geologischen Schichten auf der Höhe von Haute-Sorne. Im Sockel das kristalline Grundgebirge.

Tiefschlag für Tiefengeothermie

Das geplante Tiefengeothermie-Projekt in Haute-Sorne steht vor dem Aus. Die Regierung des Kantons Jura will die 2015 erteilte Bewilligung zurückziehen.

Nichts klafft weiter auseinander als Wunschszenarien und beinharte Wirklichkeit in der Energiepolitik. Da teilt die Energiestrategie 2050 der Tiefengeothermie eine wichtige Rolle in der künftigen Energieversorgung der Schweiz zu: Bis 2050 sollen sage und schreibe 5 bis 10% des elektrischen Stroms aus dieser nie versiegenden Quelle stammen, die man in den Tiefen des helvetischen Untergrunds zu bergen hofft. Doch bis jetzt ist noch kein einziges geothermisches Kraftwerk gebaut worden.

Jurassische Regierung macht Rückzieher

Der jüngste Stolperstein: Die Regierung des Kantons Jura will die Bewilligung für das Bohrprojekt im jurassischen Haute-Sorne zurückziehen. Noch liegt keine schriftliche Begründung auf dem Tisch. Allerdings gehen viele Beobachter davon aus, dass rein politische Motive die Regierung zum Rückzieher bewogen haben, da das Projekt bei einem grossen Teil der Bevölkerung offenbar auf Ablehnung stösst. Auch verabschiedete das Kantonsparlament eine Motion, die einen definitiven Stop verlangt. Zudem wurde eine Volksinitiative gegen das Projekt eingereicht, die allerdings vom Kantonsgericht als ungültig erklärt worden ist. Kommt hinzu: 2020 ist Wahljahr im Kanton Jura.

Rechtsgrundlagen

Die juristische Situation: Die gesetzlichen Grundlagen für das Bohrprojekt waren von der jurassischen Regierung abgesegnet worden. Überdies hatte die Regierung im Juni 2015 einen Sondernutzungsplan bewilligt und die Umweltverbände hatten keine Beschwerden eingereicht. Ein Rekurs von privater Seite gegen den Sondernutzungsplan wurde im Dezember 2018 durch das Bundesgericht abgelehnt. Noch ist zur Stunde offen, ob die Betreibergesellschaft Geo-Energie Suisse AG vor Gericht ziehen wird. Immerhin sind wichtige kommunale Energieversorger wie EWZ (Zürich), IWB (Basel), EWB (Baselland), EOS Holding (Lausanne), EWB (Bern), AET (Tessin) an dieser Explorationsgesellschaft beteiligt. Ausserdem unterstützt der Bund das Projekt mit einem Beitrag von 64 Mio. Franken.

Tiefengeothermie – Technologie im Wandel

Das Konzept des Projektes in Haute-Sorne in Kürze: Durch ein fertiges Bohrloch wird Wasser (20 bis 40 Liter/Sek.) bis auf vier bis fünf Kilometer in den kristallinen Untergrund gepumpt, um daraus genügend Wärme ab Temperaturen von +150°C wieder an die Oberfläche zu bringen, damit diese für die Stromproduktion überhaupt taugt. Konkret wird in eines von zweien Tiefbohrungen Wasser eingeleitet, dann durch zerklüftetes Gestein gelenkt und durch eine Zweitbohrung wieder an die Erdoberfläche befördert. Im günstigen Fall ist das heisse Gestein wasserdurchlässig, was in der Schweiz meistens nicht der Fall ist. Solche Fliesswege müssen erst künstlich geschaffen werden, indem Wasser durch hohen Druck ins Gestein gepresst wird. Fachleute sprechen von «stimulieren». Klüfte öffnen sich gegen den geringsten Gesteinsdruck. Um genug heisses Gestein für eine wirtschaftliche Energieproduktion zu erreichen, muss die Fläche aller Klüfte etwa 4 km2 ergeben. In Basel zeigte sich: Mit der Zunahme der solchermassen stimulierten Gesteinsfläche, steigt das Ausmass der Erschütterungen.
Geo-Energie Suisse AG verwendet ein so genanntes horizontales Multiriss-System. Entlang der Bohrlöcher werden sukzessive Dutzende von Teilbereichen im Gestein stimuliert. Damit versprechen sich die Ingenieure eine effiziente Energieausbeute.

Erdbebengefahr gebannt

Bleibt noch die Sicht der Wissenschaft, welche solche Projekte kritisch begleitet: Die tiefengeothermische Exploration hat hinzugelernt. Das erste Projekt scheiterte bereits 2003 in St. Gallen aus Sicherheitsbedenken. 2006 stoppte eine weitere Versuchsbohrung in Basel infolge eines Erdbebens, das in der ganzen Stadt spürbar war.
Ein Erdbeben in Südkorea im November 2017 infolge einer geothermischen Bohrung veranlasste die jurassische Regierung, vom schweizerischen Erdbebendienst einen Bericht vorzulegen. Dabei wurde rasch klar: Die Bohrung in Südkorea wurde mit dem älteren risikobehafteteren Verfahren, wie es in Basel 2006 zur Anwendung kam, durchgeführt. Das so genannte petrothermale Multistage-System, welches für das Projekt in Haute-Sorne zur Anwendung kommen sollte, wird übrigens kleinmassstäblich in einem Stollen im Bedrettotal getestet.

Beitrag an nationale Energieversorgung

Nutzbare Tiefengeothermie-Vorkommen sind in der Schweiz nur begrenzt vorhanden. Im günstigsten Fall lassen sich in der Schweiz 4,4 TWh Strom pro Jahr gewinnen. Die Energieform ist regenerierbar. Kommt hinzu, dass Tiefengeothermie im Sommer wie im Winter, tagsüber wie nachts als Bandenergie zuverlässig zur Verfügung stehen würde.